Harald Welzer in Speakers Corner
Harald Welzer in Speakers Corner

'Wir müssen lernen, aufzuhören!'

Die Digitalisierung wird ein Wunder der Energieeinsparung vollbringen. Wasserstoff wird die Rettung sein. Das E-Auto wird den Klimawandel abwenden ... Wir sind derzeit eifrig damit beschäftigt, uns mit Blick auf unsere immensen ökologischen Probleme einzureden, dass wir die Dinge mit Technologie schon in den Griff bekommen werden. Aber das ist magisches Denken, sagt Harald Welzer. Was wir stattdessen aus Sicht des Sozialpsychologen dringend brauchen, ist ein Bewusstsein für Endlichkeit.

Die Tesla Gigafactory im brandenburgischen Grünheide ist ein typisches Beispiel: Da setzt ein Milliardär aus der Digitalwirtschaft mithilfe von Milliarden Euro Steuergeldern eine gigantomane Autofabrik in den märkischen Sand – beziehungsweise an die Stelle eines gerodeten Waldes –, und schon wird dieses Gigaprojekt, das in ökologischer, politischer und volkswirtschaftlicher Hinsicht völlig falsche Signale setzt, euphorisch gefeiert. Statt es für möglich zu halten, dass in Zukunft weniger Energie erzeugt und verbraucht wird, weil anstelle von Automobilität andere Mobilitätskonzepte existieren, werden um zwei Generationen zu spät gekommene Techno-Helden wie Elon Musk glühend verehrt, hofiert und mit Geld zugeschissen. Obwohl sie nichts anderes zu bieten haben als die Utopien der 1950er-Jahre: Raketen, Autos, Hyperloops – alles Dinge, mit deren Hilfe man rasend schnell irgendwo hinkommen soll, ohne auch nur ein einziges Mal die Frage zu stellen, warum überhaupt.

Dass gegenwärtig der Begriff der Innovation gehypt wird und kaum noch jemand von Fortschritt spricht, ist kein Zufall. Innovation braucht im Gegensatz zum Fortschritt keine normative Referenz. Innovation ist schon erreicht, wenn etwas neuer ist als etwas anderes – unabhängig von der Frage, ob es überhaupt der Erneuerung bedurfte. Gleichzeitig reden wir uns mit Blick auf unsere immensen ökologischen Probleme ein, dass wir die Dinge mit Technologie schon in den Griff bekommen werden: Die Digitalisierung wird ein Wunder der Energieeinsparung vollbringen. Wasserstoff wird die Rettung sein. Das E-Auto und der grüne Treibstoff für Flugzeuge werden den Klimawandel abwenden ... Das ist magisches Denken, eine Fluchtbewegung, die sich auch darin ausdrückt, dass Handlungen durch Ziele ersetzt werden.

Vielen Politikern fällt es zum Beispiel nicht schwer, hoch ambitionierten Klimazielen zuzustimmen – weil sie dann Arbeitskreise einrichten, Konferenzen veranstalten, Unterziele vereinbaren und das Problem in die Zukunft verschieben können. In der Gegenwart werden unterdes konventionelle Produkte „vergrünt“. Das führt zu so widersinnigen Phänomenen wie riesigen Stadtgeländewagen, die ihr Hybridantrieb angeblich „klimafreundlich“ macht. Dass Produkte wie dieses nur dann nachhaltig wären, wenn es sie gar nicht erst gäbe, wird übersehen. Stattdessen optimieren wir das Falsche.

Letztlich läuft es darauf hinaus, dass immer mehr Rohstoffe zur Erzeugung von immer mehr Produkten und Dienstleistungen verbraucht werden. Trotz gestiegenem Umweltbewusstsein und „Dekarbonisierungsbemühungen“ ist unsere Wirtschaft auch weiterhin darauf ausgerichtet, den Umfang unseres ökonomischen Stoffwechsels ständig zu vergrößern, nicht zu verringern. Ging es früher einmal darum, ein Produkt zu schaffen, etwa als Schreiner für einen Auftraggeber einen Schrank zu zimmern, dann war die Arbeit mit der Fertigstellung des Schranks beendet und wurde auch exakt dafür entgolten. Sie fand ihren Zweck im finalen Produkt. In der industriellen Produktion geht es dagegen nicht mehr um die Herstellung des einzelnen Produkts als Zweck an sich und um die Arbeit als Mittel zur Zweckerreichung. Es geht um ein System, in dem unablässig gearbeitet wird, um eine prinzipiell unendliche Reihe von Produkten zur Gewinnung von Mehrwert zu generieren – also von investivem Kapital, das sofort wieder in die Verbesserung der Produktion oder Erweiterung der Produktpalette gesteckt wird. So entsteht eine Entgrenzung in die Unendlichkeit der Produktion: Nichts ist jemals fertig, die Arbeit hört niemals auf, alles muss immer mehr werden. Und dabei werden die tatsächlichen Naturverhältnisse, das eigentlich unübersehbare Feedback des Erd- und Klimasystems, konsequent ignoriert. Wieso eigentlich?

Meine These ist: Wir haben keine Methodik des Aufhörens – weil wir das Verständnis für Endlichkeit verloren haben. Das Selbstverständnis der Moderne liegt in vollständiger Beherrschung der Natur, und weil der Tod die Antithese dazu ist, wird er so weit wie möglich verdrängt. Als Individuen müssen wir zwar anerkennen, dass wir sterben werden, als Gesellschaft aber verfügen wir über eine riesige, höchst komplexe Apparatur, um die Erkenntnis von Endlichkeit um jeden Preis zu vermeiden – was ungünstig ist, wenn man es mit Endlichkeitsproblemen zu tun hat. Klimawandel ist ein Endlichkeitsproblem: Wenn wir eine überlebenstaugliche Temperaturspanne – und das ist eine sehr kleine – verlassen, ist Ende mit dem Überleben. Oder das Artensterben: Wenn wir statt achtzig einhundert Prozent der Insekten verlieren, ist Ende mit der Ernährung.

Das zu wissen, ist einfach, aber wir sind keine Wissensgesellschaft, sondern eine Wissensvermeidungsgesellschaft. Eine Gesellschaft, die die Frage „What if we fail?“ ausklammert. Innerhalb der wissenschaftlichen Vernunft scheint es uns nicht möglich zu sein, für denkbar zu halten, dass die Sache auch schlecht ausgehen könnte. Bevor in unserem Denken eine Endlichkeitskrise auch nur in Sicht kommt, werden daher lieber technische Rettungsfantasien mobilisiert. Doch die Möglichkeit, Zukunft zu gestalten, hängt wesentlich davon ab, die Bedingungen dafür realistisch zu betrachten. Also nicht vom bloßen Wunsch getrieben, dass doch bitte alles irgendwie gutgehen möge – trotz aller Daten, die dagegen sprechen. Ein solcher Realismus muss das Scheitern einkalkulieren, sonst weiß man gar nicht, welche Maßnahmen entwickelt werden müssen, um es zu verhindern oder die Folgen zu vermindern. Es ist ja erheblich wahrscheinlicher, dass es nicht gelingen wird, die Klimaerwärmung bei zwei Grad plus einzubremsen, als dass es gelingen wird. Was aber dann?

Wir wollen nicht darüber nachdenken. Denn wir sind in eine Kultur hineingewachsen, für die Naturausbeutung selbstverständlich ist – auch deswegen, weil diese Kultur damit bislang sehr erfolgreich war. Doch gerade sein Erfolg zieht das Projekt menschliche Zivilisation in eine böse Falle. Denn jetzt, mit dem Klimawandel, dem Artensterben zeigt sich, dass das zivilisatorische Projekt der Moderne nur so wunderbar funktionieren konnte, weil man von den Naturverhältnissen konsequent abgesehen hat.

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Unsere Kultur lässt uns glauben, dass wir in unserer modernen Hyperkonsumgesellschaft alles immer und immer alles haben können – von der Mango im Supermarkt bis zur Flugreise auf die Malediven. Imperiale Weltaneignung scheint uns normal. Weil wir Produkt unserer Kultur sind. Sie ist nicht um uns herum, sie ist in uns. Deswegen ist es so schwer, sich vorzustellen, dass die Kultur, der man angehört, eine „falsche“ Richtung eingeschlagen haben könnte.

Dass sich dennoch eine dunkle Ahnung davon breitmacht, zeigt sich mitunter darin, dass dem Hinweis auf die Wachstumsgrenzen mit immer aggressiverer Reaktanz begegnet wird. Und dass keine Anstrengung gescheut wird, die eigene Sucht, am Widersinnigen festzuhalten, zu rationalisieren. Das führt bis hin zu solchen Blüten wie „SUVs sind sicherer, weil sie wegen ihrer größeren Bodenfreiheit einem auf dem Boden liegenden Menschen noch Raum und damit eine höhere Überlebenschance bieten.“ Besser überfahren werden mit dem SUV! Geht's noch?

Eine Kultur, die wie unsere ihre eigenen Voraussetzungen zerstört, muss im Irrtum sein. Wir müssen damit aufhören und erwachsen werden. Erwachsen zu werden, heißt, zu lernen, dass man nicht alles haben kann, von dem man mal geglaubt hat, es haben zu können. Trotzdem ist das Reden über Verzicht kontraproduktiv. Genauso wie das Beschwören von Katastrophenszenarien. So kann die unablässige Mitteilung besorgniserregender Befunde aus der Klimaforschung sogar zum genauen Gegenteil des Beabsichtigten führen. Der Wille zum Weltverbrauch nimmt mit der Intensität der Warnungen offensichtlich zu, nicht ab, Motto: „Schnell noch auf die Malediven fliegen, bevor sie untergehen.“

Ein riesiges kommunikatives Problem ist auch, dass die Konsumgesellschaft pausenlos attraktive Geschichten über sich erzählt, während die Umweltbewegung nur Geschichten über den Untergang des Planeten und über Genügsamkeit verbreitet. Das funktioniert nicht. Wir können mit Katastrophengeschichten nicht gegen die Heilsgeschichten des Hyperkonsums ankommen. Statt über Verzicht sollten wir daher über Gestaltung reden. Darüber, dass es zwar darum geht, etwas Altes aufzugeben, dass wir dadurch aber eben auch etwas Neues gewinnen.

Die beste Strategie besteht darin, vom Ende her zu denken: Was gewinnen wir, wenn wir aufhören mit Hyperkonsum und Leistungssteigerung? Wenn wir die Spur wechseln? Wir gewinnen womöglich Gerechtigkeit, eine saubere Umwelt, Gesundheit, Beziehungsqualität – viel Schönes, das mit Konsum nichts zu tun hat. Die konkrete Frage wäre also: Wer wollen wir gewesen sein? Es ist diese Geschichte, die wir erzählen müssen. Denn die wesentlichen Fortschritte in der Menschheitsgeschichte waren selten wissenschaftlich-technischer Natur, sie waren das Ergebnis sozialer Intelligenz. Auch die Erklärung der Menschenrechte war erst mal nur eine Geschichte. Aber solche Narrative zeigen Möglichkeiten auf – Möglichkeiten, die sehr weit über Tech-Fantasien hinausreichen.

Harald Welzer ... … ist promovierter Soziologe, Professor für Soziologie und Sozialpsychologe, einer der einflussreichsten Intellektuellen in Deutschland und Mitglied des Vorstands von „Futurzwei. Stiftung Zukunftsfähigkeit“. Der Wissenschaftler, der heute als Publizist arbeitet, hat kürzlich bei S. Fischer das Buch „Nachruf auf mich selbst. Die Kultur des Aufhörens“ veröffentlicht. Kontakt: futurzwei.org

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