Augenhöhe macht Schule

Wie schulische Bildung unsere Arbeitswelt prägt

Augenhöhe macht Schule. So heißt das neue Projekt um die Berater und Filmemacher der AUGENHÖHEworks GmbH. Nach „AUGENHÖHE – Der Film“ und „AUGENHÖHEwege“ ihr drittes Projekt, das sich nichts geringeres zum Ziel gesetzt hat, die Gesellschaft zu verändern. Aktuell befindet sich die Initiative im Crowdfunding. Ich sprach mit Silke Luinstra, einer der Initiatorinnen, über das Ziel und die Frage, was schulische Bildung zum Gelingen moderner Organisationen und zum Funktionieren pluralistischer Gesellschaften beitragen kann.

Sie haben wieder ein spannendes Projekt gestartet: Augenhöhe macht Schule. Was genau haben Sie vor?

Silke Luinstra: Wir setzen fort, was wir mit unseren bisherigen Filmen begonnen haben: Wir inspirieren und ermutigen Akteure, ihre Organisation kritisch und wohlwollend zugleich anzuschauen und auf dieser Basis Handlungsideen für die Zukunft zu entwickeln. Da wir von dem Format Film-und-Dialog sehr überzeugt sind – und uns die Resonanz auf die bisherigen Filme da recht gibt – werden wir auch dieses Mal wieder einen Film machen, der zum Dialog einlädt.



Aktuell befinden Sie sich im Crowdfunding, waren aber dennoch schon in einigen Schulen mit Kamerateam unterwegs. Was haben Sie gesehen und erfahren? Was hat Sie bislang am meisten bewegt?

Wir haben in einer freien und einer staatlichen Schule gedreht, um einen Vorgeschmack auf den Film zu geben und selber tiefer in die Materien einzutauchen. Wir waren beeindruckt von dem, was alles möglich ist – gerade auch im Rahmen des staatlichen Systems, von dem man so leicht denkt, da ginge gar nichts… Das stimmt nicht, können wir jetzt sagen. Wie auch in Unternehmen braucht es für Veränderungen in Schule einige mutige Menschen an entscheidenden Positionen. Nicht außer Acht lassen sollten wir dabei die Eltern: Sie wollen das Beste für ihr Kind – und denken häufig, dass eine Sozialisation wie sie sie selber erfahren haben, eben dieses Beste wäre. Doch unsere Welt hat sich in den vergangenen 25 bis 40 Jahren immens verändert, heute sind andere Kompetenzen und Haltungen erfolgversprechend. Angesichts der hohen Komplexität der Umwelt geht es unseres Erachtens viel mehr als früher um den Umgang mit unsicheren, offenen Situationen – man könnte auch sagen, es geht um Ambiguitätstoleranz, um hohe Eigeninitiative und Selbstorganisation, ein ordentliches Maß an Flexibilität, um Mut zum Experimentieren und auch darum, sich immer wieder ein Stück neu zu erfinden und dabei seine Identität nicht zu verlieren.

Inwiefern wirkt sich Ihrem Eindruck nach schulische Bildung auf die Arbeitswelt aus? Auf eben auf unser Verständnis von Zusammenarbeit, Fehlerkultur, Selbsterfahrung, Potenzialentfaltung, Selbstwirksamkeit… ?

Sehr direkt. Die Erfahrungen im schulischen Umfeld, auch in den Hochschulen und Universitäten, prägen die Erwartungen, mit denen junge Menschen in die Arbeitswelt kommen. Ist meine Eigeninitiative erwünscht? Darf ich was ausprobieren, oder ist es schlimm, wenn ich Fehler mache? Wir haben mit so manchem Unternehmer gesprochen, der uns erzählte, dass viele junge Menschen diese Kompetenzen erst wieder lernen bzw. das Vertrauen fassen müssen, dass ihr Einsatz gewünscht ist. Das hat so mancher in 9, 10, 12 oder 13 Jahren Schule leider verlernt. Darüber hinaus ist für mich wichtig, dass sich Menschen als selbstwirksam erleben. Das ist das Wichtigste, was wir der jungen Generation mitgeben können – und das hat nicht nur Auswirkungen auf die Arbeitswelt, sondern auch direkt auf die Gesellschaft.

Warum fokussieren Sie sich als Beraterinnen und Berater überhaupt auf die Schule? Das ist ja nicht Ihr vertrautes Terrain…

Wir verstehen uns weniger als Berater denn als Impulsgeber in soziale Systeme hinein. Das Thema „Schule“ kam schon rund um die erste Premiere auf – nicht zuletzt, weil meine Kinder mitbekamen, was wir mit AUGENHÖHE tun und sie anfingen, das in Beziehung zu setzen zu ihren Erfahrungen in ihrem schulischen Umfeld. Mir wurde dadurch klar, wie eng die Systeme verknüpft sind und dass es Veränderungen im Bildungssystem bräuchte, um in Organisationen den Herausforderungen von Gegenwart und Zukunft zu begegnen und den Menschen in ihrer Vielfalt und ihren Potenzialen gerecht zu werden. Um das zu erreichen, reicht eine Veränderung in der Arbeitswelt nicht aus.

Und ja, es stimmt, es ist nicht unser vertrautes Terrain. Deswegen haben wir uns im Team mit Menschen verstärkt, die sich intensiv mit Schule beschäftigen und z.B. in der Initiative „Schule im Aufbruch“ engagiert sind. Außerdem haben wir einen hochkarätig besetzten Beirat für dieses Projekt gewinnen können, dem mit Mechthild Reinhard, Gründerin der Deutschen Gesellschaft für systemische Pädagogik, Margret Rasfeld, ehemalige Schulleiterin der für ihren innovativen Ansatz bekannten ESBZ (Evangelische Schule Berlin Zentrum), und Myrle Dziak-Mahler, Geschäftsführerin des Zentrums für LehrerInnenbildung der Universität zu Köln, Bildungsexpertinnen angehören, aber auch Unternehmer sowie aktive und ehemalige Politiker. All das hilft uns, die Besonderheiten des Systems Schule deutlicher zu sehen – und dabei unsere Sicht auf Organisationen bereichernd einzubringen.

Die zwei bisherigen Augenhöhe-Filme haben eine enorme Resonanz erzielt und sind zu einer regelrechten Bewegung geworden. Was wünschen Sie sich von diesem Film?

Eine noch größere Resonanz – weil mir das Thema sehr am Herzen liegt und ich die Beziehungen zwischen Arbeits- und Bildungswelt sehr deutlich sehe. Wenn es an jeder der ca. 30.000 Schulen in Deutschland nur eine Person (Lehrer, Eltern oder Schüler) gäbe, die den Film in der eigenen Aula zeigen möchte…

Was wünschen Sie sich vom Crowdfunding?

Jeder, der etwas im Crowdfunding kauft, liefert eine Bestätigung, dass dieses Thema relevant ist. Das ist mir fast noch wichtiger als die eingezahlten Geldbeträge – obwohl natürlich klar ist, dass wir die Finanzierung sicherstellen müssen, da es das Projekt sonst nicht geben kann. Wenn wir unser Minimalziel von 30.000 EUR nicht erreichen, werden alle Beträge zurückgezahlt, wir bekommen nichts und können das Projekt nicht umsetzen. Das macht Crowdfunding so spannend… Deswegen wünsche ich mir, dass alle, die das Projekt wichtig finden und unterstützen möchten, unsere Nerven nicht zu sehr strapazieren und nicht erst in den letzten Tagen der Crowdfundingkampagne zuschlagen… Für einen Film im gewohnten Umfang benötigen wir 60.000 EUR und bis dahin ist es trotz ermutigender erster Hälfte des Crowdfundings noch ein Weg.

Ich drücke die Daumen. Vielen Dank fürs Interview.
02.11.2017
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