#CCJam

Agile Learnings

Der Titel der Konferenz im Kameha klang verheißungsvoll, als „agiles Jahresforum für Unternehmenskultur“ wurde es angekündigt: Ende September 2017 fand der erste Corporate Culture Jam in Deutschland statt. Doch macht eine Jazz-Combo ein Event schon jammig. Oder agil? Ganz so einfach ist es nicht. Dennoch konnten die Teilnehmer einiges zum Thema Agilität lernen.

Beitrag von Andree Martens und Nicole Bußmann

Geige-, Bass- und Gitarrentöne verbinden sich zu Jazzrhythmen, die den Konferenzraum im Kameha Grandhotel am Bonner Rheinufer fluten. Die dreiköpfige Band auf der Bühne stimmt die Teilnehmer auf die Veranstaltung ein. Die kommen nur zögernd herein, viele bleiben erst einmal hinten im Raum stehen. Der Grund: Die Stühle sind nicht in Reihen aufgestellt, sondern in kleinen Halbkreisen. In ungewohnter, besonderer Formation. Überhaupt soll diese Veranstaltung etwas Besonderes werden. Die Idee des Events: Musik und Unternehmenskultur zusammenbringen. Improvisation vom Jazz abgucken. Cool.

Die Erwartung ist dementsprechend hoch: In einer Pressemitteilung vor dem Event heißt es, der Corporate Culture Jam sei ein „Tanz am Vulkan“: „Volatil, ungewiss, liquide, komplex, das alles gleichzeitig und bei dem wir auch lernen, Nein zu sagen.“ Bei der Uraufführung im Mai dieses Jahres in Wien waren 170 Teilnehmer zugegen, jetzt in Bonn sind es etwa 100.

Trotz kleinerer Runde soll es wieder um die großen Themen gehen. Jan Pechmann von der Strategieberatung diffferent formuliert in seiner Begrüßung: „Wir befinden uns am Beginn eines Systemwechsels – von der Produktökonomie zur Serviceökonomie.“ Das wichtigste Kriterium für Unternehmenserfolg sei künftig die Customer Experience – die Erfahrungen und Erlebnisse, die ein Kunde im Kontakt mit dem Unternehmen hat. „Und weil Erlebnisse von Menschen geschaffen werden, ist das ein Kulturthema“, begründet Pechmann den Kongressnamen Corporate Culture Jam. Und das Kulturthema soll hier agil angegangen werden.

Die Eintänzerin in die inhaltliche Auseinandersetzung macht Nana Walzer, die Musik nicht nur im Namen trägt. Die Kommunikationsexpertin redet über „musikalische Erfolgsstrategien“ und die Parallelen von Musik und Führung, wobei sie sich durch den gesamten Vortrag über von der Jazz-Combo begleiten lässt. Ein schwungvoller Einstieg, wenn auch nicht gerade tiefsinnig. „Wer am liebsten Klassik hört, deeer … führe wahrscheinlich auch klassisch.“ Weitere Inhalte geschenkt. Die Teilnehmer stört es nicht, am Ende tauschen sie sich angeregt in ihren Halbkreisen über ihre Lieblingsmusikrichtungen und ihren Führungsstil aus.

Genau das ist der Jam – nach Meinung der Veranstalter, mehrere Consultingunternehmen und Agenturen als Initiatoren und Succus als Kongressmacher. Immer wieder nach den Plenumsbeiträgen reden die Teilnehmer in ihren so genannten Nestern – klingt hipper als Stuhlkreis – über ihre Lessons Learned. Unter der Moderation eines Vertreters von diffferent werden die Inputs durch die Vortragenden von den Teilnehmern aufs eigene Business transferiert, reflektiert und kommentiert. Frei nach dem Motto: Jammen ist besser als Jammern.

„Jammin...“ Der Ohrwurm von Bob Marley erklingt. Die heimliche Hymne des Kongresses. Davon ab bleibt vieles recht klassisch. Vorträge hauptsächlich. Das Aufgebot an Beratern und Unternehmensvertretern kann sich sehen lassen, auch wenn das angekündigte Highlight ausbleibt: Frithjof Bergmann, der Begründer der New Work-Idee, kann aus gesundheitlichen Gründen nicht dabei sein. Stattdessen mit dabei einige Unternehmensvertreter, die ihre Erfahrungen mit der Agilisierung ungeschönt, so wünscht es sich Pechmann zu Beginn der Veranstaltung, weitergeben. Zum Beispiel:

– Stephan Grabmeier, Chief Innovation Evangelist bei Haufe-umantis, der Einblicke in die Selbstorganisation und demokratischen Prozesse (etwa die recht bekannte Führungskräftewahl) des Vorreiterunternehmens gibt. – Lena Göritz und Felix Segebrecht von Unitymedia, die von ihrem „beta office“ erzählen, eine Art Guerilla-Einheit im Unternehmen, dessen Kernaufgabe darin besteht, agile Pilot-Projekte mit inderdisziplinären Teams durchzuführen. – Uwe Tschischak von Volkswagen Financial Services, der sich im Universum des Volkswagen-Konzerns als Business-Rebell sieht und bei seinem ersten Agilisierungsversuch voll gegen die Wand fuhr. – Sonja Sturm und Daniela Waltenspiel von DB-Vertrieb, die im Zuge der Transformation ihres Unternehmens den HR-Bereich von einer Kästchen- in eine Kreisstruktur umgebaut und dabei die Hierarchie nahezu abgeschafft haben.

Einige zentrale Aussagen aus den Vorträgen – agile Learnings sozusagen – sind dabei zusammengekommen:

_ Die Digitalisierung ist keine technologische Herausforderung, sondern eine kulturelle. _ Transformation wird zum Tagesgeschäft. _ Das Leitbild für Führungskräfte in der Digitalisierung lautet „Servant Leadership“. _ Agilität ist eine Lösung, die Herausforderung der Digitalisierung zu meistern, aber nicht die eine Lösung. _ Agilität eignet sich nur für komplexe Themen. Bei komplizierten Themen ist eine agile Vorgehensweise kontraproduktiv. _ Digitale Transformation funktioniert im Unternehmen am besten über kleine agile Einheiten, die sukzessive neue Arbeitsweisen in der Organisation etablieren. _ In einer immer komplexeren Welt hat es keinen Sinn, dass einige wenige Manager die Strategie für das ganze Unternehmen entwickeln. Strategieentwicklung muss Aufgabe aller Mitarbeiter sein. _ Je selbstorganisierter in Organisationen gearbeitet wird, desto klarer müssen die Regeln der Zusammenarbeit definiert werden. _ Der War for Talents wird durch einen War of Operating Systems abgelöst. Die Art und Weise, wie in einem Unternehmen gearbeitet wird, entscheidet darüber, ob gute Mitarbeiter kommen und bleiben. _ Agil zu arbeiten, bedeutet, Dinge einfach machen und sie einfach zu machen. _ Agil zu arbeiten heißt, konsequent die Kundenperspektive einzunehmen: Nicht nur die Produkte und Services, sondern auch die Prozesse im Unternehmen müssen vom Kunden aus gedacht werden. _ Digitale Transformation funktioniert nur, wenn sie echte Probleme löst und echten Nutzen schafft. Leitsatz: „Solve wicked problems!“ _ Der digitale Wandel braucht eine Story. Die muss im Unternehmen immer wieder erzählt werden. _ In der digitalen Transformation ist Ambidextrie gefragt – auch bei den Strukturen und Prozessen, etwa an der einen Stelle hierarchisch und gleichzeitig an einer anderen Stelle agil zu sein.

Ein Tanz am Vulkan? Für den Corporate Culture Jam als solches gilt das nicht, wohl aber für das allumfassende Thema: die Transformation. Dennoch bleibt die Erkenntnis deutlich hängen: Jammen ist besser als Jammern.
05.10.2017
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