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„HR hat es nicht mehr nötig, um sich selbst zu kreisen“

Die Deutsche Gesellschaft für Personalführung (DGFP) feiert im Sommer 2022 ihr 70-jähriges Jubiläum. Im Interview mit managerSeminare blickt Geschäftsführer Ralf Steuer auf die wichtigsten Meilensteine in der Verbandsgeschichte zurück und nimmt die größten Herausforderungen der nächsten Jahre ins Visier.

Was gab vor 70 Jahren den Anstoß zur Gründung der DGFP?

Ralf Steuer: Der Ursprung lag in der ersten Sozialpartnerschaft von Arbeitgebern und Arbeitnehmern, manifestiert im Betriebsverfassungsgesetz, das 1952 in Kraft trat. Damals hat der damalige Landtagsabgeordnete und spätere Bundespräsident Walter Scheel gesagt: Da die Sozialpartnerschaft dazu führt, dass man eng mit Gewerkschaften (und auf der Betriebsebene mit Betriebsräten) zusammenrückt, brauchen wir auch eine branchenübergreifende Vernetzung auf der Arbeitgeberseite. Scheel saß im Düsseldorfer Landtag, daher hat alles dort begonnen, in der Industriemetropole Nordrhein Westfalens – was auch naheliegend war, da die Montanindustrie ein wichtiger Impulsgeber für das Betriebsverfassungsgesetz war. Und so erklärt sich der Ursprung der DGFP in Düsseldorf, wo lange auch das Mutterhaus stand.

Welche Aufgaben verfolgte die DGFP in ihren Anfängen?

Von Beginn an spielten die Erfahrungsaustauschgruppen von Personalern eine wichtige Rolle. Tatsächlich drehte sich die Arbeit also schon vor 70 Jahren um genau das, was sie auch heute noch im Kern ausmacht: Austausch organisieren und Plattformen schaffen, um voneinander zu lernen – branchenübergreifend, unabhängig von der Größe des Unternehmens und der Lokalität. In den 1960er-Jahren kam dann noch der Brückenschlag zwischen Wissenschaft und Praxis hinzu, etwa in Form von Studien-Kooperationen mit Hochschulen.

Was waren weitere Meilensteine in der Verbandsgeschichte?

1968 ist unter dem DGFP-Dach das erste Fachjournal der Branche entstanden, die Zeitschrift „Personalführung“, die bis heute unter demselben Namen und demselben Herausgeber erscheint. In den 1970er- und 1980er-Jahren kam dann noch eine verstärkte Internationalisierung hinzu. Zwischenzeitlich ist diese aus meiner Sicht nur mittelmäßig gut geflogen, heute ist sie aber wieder ein aktuelles Thema. In den 2000er-Jahren war die Kongressarbeit für den Verband besonders wichtig: Einmal im Jahr traf man sich drei Tage lang mit zahlreichen Programmpunkten und Speakern – ein Riesenaufwand. Dies ist mittlerweile abgelöst worden durch kleinere, flexiblere Formate wie die Jahrestagung, die Kompetenzforen, Netzwerktreffen, Webinare und den Hauptstadt-Dialog, der immer noch auch ein wichtiges Medium ist.

2019 war ein Wendepunkt: Da hat man im Zuge einer Restrukturierung noch mal komplett neu gedacht, hat zum Beispiel entschieden, sich vom Academy-Geschäft zu verabschieden. Es gibt in dem Bereich so viel Wettbewerb im Markt, da muss nicht auch noch ein Verband mitmischen. Im Kontext der Restrukturierung haben wir auch die vielen Regionalstellen der DGFP aufgelöst und uns für Berlin als alleinigen Standort entschieden. Die zahlreichen Dependancen brachten keinen Mehrwert für unsere Arbeit. Und Berlin erschien uns passend, weil es uns auch darum geht, die Stimme von HR in Politik und Öffentlichkeit zu sein.

Gelingt dies denn gut? Der DGFP wurde ja manchmal vorgeworfen, nicht hörbar genug zu sein …

Das ist eine grundsätzliche Diskussion: Will man überhaupt klassische Lobbyarbeit betreiben? Wenn man zu Themen wie der Frauenquote in Aufsichtsräten Stellung bezieht, ist damit zu rechnen, dass man auch Gegenwind aushalten muss. Dazu braucht man Ressourcen. Und es stellt sich die Frage: Welchen Mehrwert stiften solche Statements für die Mitglieder überhaupt? Meine tiefe Überzeugung ist, dass die Stimme von HR etwas anderes sein sollte: nämlich eine vertrauenswürdige Interessenvertretung. Wir haben aufgrund unserer Größe und Struktur die Möglichkeit, durch engen Austausch mit unseren Mitgliedsunternehmen valide Meinungsbilder zu Themen zu entwickeln. Und wir glauben, dass dies der bessere Ansatz ist, Lobbying zu betreiben, als seitens der Verbandsspitze Statements im Namen der Mitglieder zu formulieren.

Was waren darüber hinaus wichtige Fragestellungen, die den Verband über die Jahre hinweg beschäftigt haben?

Was auffällt, ist, dass die HR-Community über viele Jahre hinweg stark über sich selbst nachgedacht hat: Was kann der Mehrwert sein, den HR für das Unternehmen stiftet? Wie schafft es HR, anerkannter strategischer Partner auf Augenhöhe im Unternehmen zu sein? Damit hat sich – so sehe ich es – die HR-Welt viel zu lange beschäftigt. Doch damit ist mittlerweile Schluss, weil es HR nicht mehr nötig hat, derart um die eigene Existenzberechtigung zu kreisen. Nicht zuletzt die Pandemie hat gezeigt, dass HR selbstbewusster auftreten kann, weil an der wirtschaftlichen Bedeutung der Themen, die die Funktion bearbeitet, heute kein Zweifel mehr bestehen kann.

Was sind das für Themen?

Erstens der Fachkräftemangel: 2040 werden im deutschen Arbeitsmarkt voraussichtlich 3,9 Millionen qualifizierte Arbeitskräfte fehlen. Dabei geht es neben der demografischen Entwicklung auch um Bildungslücken, die geschlossen werden müssen. Auch die Frage der Integration von Flüchtlingen kommt hier ins Spiel. Die Digitalisierung ist ein weiteres wichtiges Thema und in diesem Kontext auch die Standardisierung von HR-Prozessen, wo sie Sinn hat. Ich glaube, da geht mehr, als manche Personaler denken, ohne dass es irgendwem schadet. Ein drittes Thema ist Nachhaltigkeit in Bezug auf Environment, Soziales und Governance. Da geht es ebenso um so Bodenständiges wie ein grünes Fuhrpark-Management als auch um den Mehrwert, den HR für Unternehmen beispielsweise durch diskriminierungsfreie Vergütungsstrukturen schafft, durch das Up- und Re-Skilling der Mitarbeitenden, durch die Prägung der Kultur und deren Messbarmachung über KPIs. Auf all das schauen Investoren immer genauer. Es sind damit für Unternehmen wirtschaftlich relevante Themen. Hinzu kommt als weitere Herausforderung die Gestaltung der Employee Experience, die angesichts des Fachkräftemangels und einer guten Arbeitgebermarke auch immer wichtiger wird. Und: HR wird sich auch selbst stark weiterentwickeln müssen, nicht zuletzt, um attraktiv für den eigenen Nachwuchs zu sein.

Große Herausforderungen also. Jetzt wollen Sie aber erst mal feiern. Was genau ist denn geplant, um 70 Jahre Verbandsarbeit angemessen zu würdigen?

Wir haben am 22. Juni 2022 ein größeres Event für unsere Mitglieder und alle, die der DGFP über die vielen Jahre hinweg verbunden waren, in Berlin geplant. Ich hoffe, dass wir da viele spannende Keynote Speaker haben werden. Der Bundespräsident ist zum Beispiel angefragt, mal sehen, ob das klappt. Heute Morgen kam die Nachricht, dass Andrea Nahles in ihrer neuen Rolle als Vorstandsvorsitzende der Bundesagentur für Arbeit auf jeden Fall sprechen wird.

Autor(en): Sylvia Jumpertz
Quelle: managerSeminare 291, Juni 2022
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