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Sollen Firmen kein Bewerbungs­anschreiben mehr verlangen?

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Neuerdings verzichten immer mehr Unternehmen auf ein Bewerbungsanschreiben. Jüngstes Beispiel: Die Bahn fordert von Bewerbern um einen Ausbildungsplatz kein Anschreiben mehr. Ist das eine kluge Strategie?


PRO: Ohne Anschreiben sinkt die Gefahr, dass gute Bewerber durchs Raster fallen
Was gehört zu einer guten Bewerbung? Zeugnisse, Lebenslauf, Anschreiben? Falsch! Arbeit 4.0 braucht auch eine Bewerbung 4.0. Das bedeutet: Arbeitgeber müssen es Kandidaten so einfach und unkompliziert wie möglich machen, sich zu bewerben. Dafür müssen sie sich von den klassischen Anschreiben verabschieden. 
Erstens, weil Anschreiben nur inhaltslose Floskeln vereinen. „Motiviert“, „team­orientiert“, „flexibel“ – viele Anschreiben bestehen aus den immergleichen Bewerbungsphrasen. Hier zeigt sich der in unserer Kultur übliche Drang zu Standardisierung und Optimierung. Die Aussage für das Unternehmen? Gleich null! Ich wage zu behaupten, dass sich viele Personaler aus diesem Grund das Anschreiben gar nicht erst anschauen, und stattdessen ihr Augenmerk auf den Lebenslauf des Bewerbers richten. Dieser wird deshalb umso wichtiger. Meine Empfehlung: Ein Curriculum Vita nach amerikanischem Vorbild. Das heißt, es werden nicht wie in Deutschland die einzelnen Stationen und Positionen aufgelistet, sondern die Erfolge.
Zweitens stellen Anschreiben ein Risiko bei der Kandidatenauswahl dar. Natürlich hinterlässt eine fehlerhafte Bewerbung mit Rechtschreib- oder Grammatikfehlern keinen guten Eindruck. Doch Unternehmen, die potenzielle Mitarbeiter wegen kleinerer Tippfehler sofort aussortieren , laufen Gefahr, vielversprechende Kandidaten zu verpassen. Bei den meisten Jobs sagt eine einwandfreie Orthographie kaum etwas über die Fachkenntnisse eines Kandidaten aus – weder bei Anschreiben in der Muttersprache noch bei solchen, die von dringend benötigten Fachkräften aus dem Ausland kommen.
Drittens sind Anschreiben Bewerbungshürden und Zeitfresser. Fach- und Führungskräfte sind auf dem aktuellen Arbeitsmarkt meist in einer vorteilhaften Situation: Sie können oft aus mehreren Jobangeboten wählen. Liegen also die Hürden zu hoch und ist der Zeitaufwand der Bewerbung sehr groß, entscheidet man sich lieber für die einfachere Bewerbung beim Wettbewerber. Auch für das Unternehmen fällt mit Abschaffung der Anschreibenpflicht ein gewaltiger Zeitfresser weg. Das heißt nicht, dass es sich jetzt mit den rohen Zahlen, Daten und Fakten des Lebenslaufs zufriedengeben muss. Es bleibt ihm vielmehr mehr Raum für etwas weit Wichtigeres als die Lektüre des Anschreibens: das individuelle und persönliche Kennenlernen zukünftiger Mitarbeiter und Kollegen. Das kommt garantiert nie aus der Mode.
Luuk Houtepen ist Director Business Development bei der Personalberatung SThree in Frankfurt/Main. Kontakt: www.sthreecareers.com

CONTRA: Der Verzicht aufs Anschreiben schadet dem Bewerber
In der Diskussion rund um Bewerbungsanschreiben, die seit geraumer Zeit tobt, wird immer wieder die Frage gestellt: „Liest die überhaupt jemand in der Personalabteilung!?“ Ja, stimmt, es ist gut möglich, dass kaum noch jemand die Anschreiben liest. Doch das ist kein gutes Argument gegen das Anschreiben. Denn es ist insbesondere für den Bewerber selbst von Nutzen. Es hilft ihm dabei, seine Motivation zu hinterfragen beziehungsweise diese sich selbst gegenüber darzulegen. Für ein gutes Anschreiben muss sich der Bewerber mit den Anforderungen und den Hintergründen der Position sehr genau befassen. Und diese Beschäftigung ist nicht nur eine erste wichtige Vorbereitung für das erhoffte Interview, sie kann dem Bewerber auch helfen, bei der Frage, ob die Position wirklich das Richtige für ihn ist, schon früh ein Stück weiterzukommen.
Die Unternehmen wiederum müssen befürchten, dass sie, wenn das Anschreiben wegfällt, in Interviews auf (noch) schlechter vorbereitete Kandidaten treffen als bisher. Bereits jetzt monieren Firmen einen Mangel an geeigneten Bewerbern. Doch Statistiken zeigen, dass die Anzahl qualifizierter Kandidaten durch ein Mehr an Bewerbungen nicht steigt. Es gibt nur „Masse statt Klasse“. Das Anschreiben hat nun einmal auch eine Art Filterfunktion: Bewerber betreiben den Aufwand nur, wenn sie sich gute Erfolgsaussichten ausrechnen. Sie überlegen sich, ob es die Mühe lohnt – und bewerben sich im Zweifelsfall nicht. 
Umgekehrt kann der Verzicht auf das Anschreiben allerdings auch neue Hürden aufbauen. Das heißt, auch ohne Anschreiben können Kandidaten ungerechtfertigt durchs Raster fallen. Denn gerade bei Schülern besteht dann die Gefahr, dass die Schulnoten noch mehr an Gewicht gewinnen. Doch sind auch Schulnoten nicht immer der geeignetste Gradmesser für berufliche Eignung. 
Das Weglassen eines Anschreibens ist ohnehin nur eine Symptombehandlung. Denn die Ursachen für fehlende Bewerber liegen woanders: Unattraktive Arbeitsbedingungen, ein angestaubtes Image oder schlechte Bezahlung sind in verschiedenen Branchen die wahren Gründe. Da wirkt der Verzicht auf ein Blatt Papier als Probl­emlösung ein wenig hilflos. Besser wäre es, auf einen modernen Ersatz des guten, alten Anschreibens zu setzen. Die digitale Welt könnte hier Abhilfe schaffen, etwa mit kurzen selbst gedrehten Bewerbungsvideos. Damit holt man vor allem die Youngster ab, für die die Handykamera nicht mehr wegzudenken ist. Ein Filmchen ist schnell gemacht und liefert einiges an Mehrwert für den Auswahlprozess. 
Petra Cockrell ist Berufs- und Karriereberaterin mit eigenem Unternehmen in München. Kontakt: www.stratessa.de 


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