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'Das Thema Angst sollte enttabuisiert werden'

Die Psychologin Gabi Harding über Furcht im Management


Angst ist eine Emotion, die mit der Rolle des Topmanagers unvereinbar scheint. Im Unternehmen wird das Gefühl deshalb meist negiert. Dennoch haben natürlich auch Manager Ängste. Ein Interview mit der Psychologin Gabi Harding über die Furcht von Vorständen und Geschäftsführern.

Sie haben mit Geschäftsführern und Vorständen über ein Gefühl gesprochen, mit dem diese Machtmenschen sonst selten in Verbindung gebracht werden: Angst. Wovor fürchten sich Führungskräfte?

Dr. Gabi Harding: Zu den größten Ängsten gehört die Furcht, von Konkurrenten ausgebootet zu werden. Vielen Managern macht das Unbekannte zu schaffen, also Situationen, in denen sie nicht genau wissen: Was passiert hier, wie geht es weiter? Darüber hinaus gibt es auch Versagensängste. Auch Vorstände haben die Furcht, dass sie den Erwartungen, die andere an sie richten, die sie aber auch an sich selbst richten, nicht gerecht werden. Es gibt existenzielle Ängste. Und wenn man die Interviews hermeneutisch auswertet, dann zeigt sich: Manager haben auch sehr tief verwurzelte Lebensängste, vor allem die Angst vor Bedeutungslosigkeit. Es scheint, dass viele mithilfe ihres Führungsjobs versuchen, gerade diese Angst zu bewältigen.

Erklären Sie das bitte näher.

Harding: Die Managerrolle bringt viel Aufmerksamkeit und Respekt, sie verheißt Sinn und ist identitätstiftend. Das heißt, mit Einnahme dieser Rolle hat man typische Lebensängste, wie sie sich aus der Suche nach Sinnhaftigkeit, Bedeutung und Identität ergeben, gewissermaßen erst mal auf Pause gestellt. Die Crux an der Sache: Mit der Managementposition tauschen die Führungskräfte ihre Ängste bloß aus. Die Furcht vor Bedeutungslosigkeit mag zwar minimiert sein, dafür handeln sie sich neue Ängste ein, etwa die bereits erwähnte Furcht vor Konkurrenten.

War es für die Topmanager schwer, über ihre Ängste zu sprechen?

Harding: Deutlich spürbar war: Die Angst wird nicht gerne beim Wort genannt. Lieber bemühen die Manager andere Konzepte, sprechen zum Beispiel von Druck und Stress. Die einzigen Ängste, über die Manager offen reden, sind Gesundheitsängste. 'Ich rauche zu viel – das macht ich mir Sorgen' – solche Ängste sind offenbar sozial anerkannt.

Warum sprechen Manager so ungern über ihre Ängste?

Harding: Das Totschweigen ist oft ein unbewusster Prozess. Die meisten reflektieren nicht dar­über, was sie empfinden. Ein Stück weit ist das normal. Wer fragt sich schon ständig im Job, ob er nun gerade Angst hat oder nicht? Bei Managern kommt noch hinzu, dass sie glauben, es sich schlicht nicht erlauben zu können, im Unternehmen über ihre Ängste zu reden. Denn sie befinden sich in einem Konkurrenzkampf, in dem mit harten Bandagen gekämpft wird. 'Freundschaft ist hier nicht das vorherrschende Prinzip', sagte mir einer der Interviewten. In dieser Situation gibt man besser nicht zu, dass man Angst hat. Damit würde man sich verwundbar machen. Wenn höhere Führungskräfte doch einmal über ihre Sorgen und Nöte reden, dann höchstens mit Personen außerhalb des Unternehmens, etwa mit dem Lebenspartner oder einem Coach. Manche beten auch. Für den Einzelnen sind solche Strategien natürlich hilfreich. Für das Unternehmen aber kann es problematisch sein, wenn Ängste nie angesprochen werden.

Inwiefern könnten Firmen profitieren, wenn Manager offen über ihre Sorgen reden würden?

Harding: Ich hatte so manch einen Interviewpartner, der sinngemäß plötzlich erstaunt gesagt hat: 'Jetzt, wo wir darüber sprechen, fällt mir auf, dass wir in Gremien Themen oft verschleppen. Ich glaube, dabei spielt die Angst, eine Entscheidung zu treffen, eine wichtige Rolle.' Der Manager und seine Kollegen hatten sich das vorher nie klargemacht. Wenn sie das täten, könnte die Schutz- und Warnfunktion wirksam werden, die Angst hat. Das Gefühl ist ja nicht nur ein negatives, das – wenn es sich im Übermaß einstellt – lähmt und einen Tunnelblick verursacht. Ein mittleres Ausmaß von Angst hat auch positive Seiten. Wenn Manager Ängste oder Sorgen etwa in Bezug auf wichtige Aufgaben, Projekte, Entscheidungen äußern würden, dann könnte manches erkannt werden, was andernfalls übersehen wird. Mit der Tabuisierung von Angst bringen sich Unternehmen also um ein Signal, das sie vor Risiken warnen, sie davor bewahren könnte, übereilt zu entscheiden, oder Entscheidungen unnütz zu verschleppen. Für die Organisation wäre also viel gewonnen, wenn Gefühle – insbesondere Angst – ein Stück weit enttabuisiert würden. Das ist aber nur möglich, wenn die obersten Führungskräfte durch ihr Vorbild vorangehen und anfangen, über die eigenen Unsicherheiten zu sprechen.

Zur Person:
Dr. Gabi Harding, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Lehrgebietes Arbeits- und Organisationspsychologie an der FernUniversität Hagen, hat im Rahmen ihrer Promotion 18 Topmanager in qualitativen Tiefeninterviews zum Thema Angst befragt. Ihre Studie ist 2012 unter dem Titel 'Topmanagement und Angst' im Springer Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden, erschienen.


Autor(en): (jum)


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