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'Neuro-Enhancer stören die gesunde Selbstentwicklung'

Der Philosoph Roland Kipke über Gehirndoping


Immer mehr Menschen nehmen Medikamente ein, um ihre mentale Leistungsfähigkeit schnell und ohne Anstrengung zu steigern. Aber gerade die vermeintlichen Vorteile der Mittel sind in Wirklichkeit Nachteile gegenüber herkömmlichen Wegen der Selbstentwicklung. Zu diesem Schluss kommt der Philosoph Dr. Roland Kipke in seiner preisgekrönten Dissertation zum Thema. Im Interview erklärt Kipke, was Selbstcoaching und Co. den chemischen Keulen voraushaben.

Über Neuro-Enhancement wird in Wissenschaft und Öffentlichkeit viel debattiert. Gewarnt wird immer wieder vor möglichen medizinischen Nebenwirkungen der Mittel. Sie aber widmen sich in Ihrer Forschungsarbeit Risiken, die in der Diskussion sonst oft übersehen werden.

Dr. Roland Kipke: Ich sehe vor allem die Gefahr, dass der Konsum dieser Mittel negative Folgen für die Persönlichkeitsentwicklung hat. Zumindest im Vergleich zu klassischen Methoden der Selbstverbesserung wie Konzentrationsübungen, Meditation, Selbstcoaching usw.

Wie kommen Sie zu diesem strengen Urteil?

Kipke: Im Rahmen meiner Arbeit habe ich Strukturmerkmale und Handlungsweisen analysiert und verglichen, die den zwei Wegen der Selbstverbesserung jeweils zu eigen sind. Was macht eigentlich die Selbstformung mit klassischen Mitteln aus? Und was genau kennzeichnet den Versuch, mit Neuro-Enhancement die kognitive Leistungsfähigkeit zu steigern und beispielsweise seelisch stabiler und ausgeglichener zu werden? Auf diese Weise kristallisieren sich deutliche Unterschiede heraus: Klassische Wege der Selbstformung sind so gut wie immer mit Aktivität, einer erhöhten Selbststeuerung, Selbstbeobachtung und Anstrengung verbunden. Für die Neuro-Enhancer gilt in der Regel genau das Gegenteil: Passivität, nicht erhöhte Selbststeuerung, keine gesteigerte Selbstbeobachtung und Anstrengungslosigkeit.

Gerade Letzteres klingt aber verlockend ...

Kipke: In der Tat. Deshalb wächst in der Bevölkerung ja auch das Interesse an solchen Mitteln. Nach einer Erhebung der DAK nehmen bereits fünf Prozent der deutschen Arbeitnehmer solche Mittel ein. Zwar halten viele Neuro-Enhancer noch nicht, was sie versprechen, aber es wird mit Hochdruck an effektiveren Mitteln gearbeitet. Die Nachfrage ist jedenfalls da. Denn wir leben in einer Leistungsgesellschaft, in der der Druck, erfolgreich zu sein, auf vielen Menschen lastet. Und nun scheint es plötzlich Mittel zu geben, mit denen das leichter und schneller gelingt als je zuvor.

Ein Trugschluss allerdings, behaupten Sie.

Kipke: Die klassischen Wege der Selbstverbesserung sind zwar anstrengend und brauchen viel Zeit. Aber es sind gerade diese auf den ersten Blick wenig attraktiven Merkmale, die letztlich eben doch auch Vorteile gegenüber Neuro-Enhancement bieten. Mal ganz abgesehen von der medizinischen Unbedenklichkeit. Denn mit der Anstrengung gehen wertvolle Erfahrungen einher. Aus der Auseinandersetzung mit sich selbst kann eine höhere Selbsterkenntnis erwachsen. Wichtig ist auch die Erfahrung von Selbstwirksamkeit. Wer hart an sich arbeitet und damit Erfolge erzielt, spürt: Ich kann aus eigener Kraft etwas erreichen. Das ist eine beglückende Erfahrung. Bei jemandem, der einfach eine Pille einnimmt und dann darauf vertraut, deshalb leistungsfähiger zu werden, fällt das alles weg – die Anstrengung, die Auseinandersetzung mit sich selbst, die Selbstwirksamkeitserfahrung.

Man verbaut sich also die persönliche Weiterentwicklung. Aber ist nicht denkbar, dass man einfach noch besser an sich arbeiten kann, wenn man eine Pille einnimmt, die einen konzentrierter, aufmerksamer oder gelassener macht?

Kipke: Natürlich ist das grundsätzlich nicht ausgeschlossen. Aber es ist schon zu befürchten, dass der Wert klassischer Methoden angesichts der scheinbaren Vorteile der Neuro-Enhancer gar nicht mehr gesehen wird. Man nimmt eine Pille ein und denkt, damit schon genug für sich getan zu haben.

Was bedeutet es für eine Gesellschaft, wenn immer mehr Menschen chemische Leistungssteigerer einnehmen?

Kipke: Das ist in der Tat ebenfalls ein Problem. Wir leben schon heute in einer Leistungsgesellschaft. Und der Druck, der damit verbunden ist, könnte dadurch noch stärker werden. Dass Menschen sich gezwungen sehen können, auf zweifelhafte Weise in ihren Körper einzugreifen, um mit anderen mitzuhalten, ist eine Sache, die wir aus dem Sport kennen. Dort setzt allein der Verdacht, dass die anderen zu Doping-Mitteln
greifen könnten, viele Sportler unter Druck, sich ebenfalls zu dopen.

Brauchen wir am Ende noch Anti-Doping-Regelungen für Prüfungen?

Kipke: Das wäre kaum durchführbar, wenn man bedenkt, was für ein Aufwand in Sachen Anti-Doping schon im Hochleistungssport betrieben werden muss. Doch die Neuro-Enhancer stellen uns vor große ethische Probleme, die wir noch nicht annäherungsweise geklärt haben.

Autor(en): (Sylvia Jumpertz)


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