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Das Blog


19. März 2020 | Von Redaktion

Das Virus, die Weiterbildung und wir

Das Virus Sars-CoV-2 und die von ihm ausgelöste Krankheit COVID-19 sind allgegenwärtig. Social Distancing lautet das Gebot der Stunde. Was das für uns bedeutet – und für eine Branche, die von Begegnung und lebendigem Austausch lebt.

Ein Beitrag von Sylvia Lipkowski und Nicole Bußmann

Seit Dienstag ist unser Verlagsgebäude so gut wie leer: Nur ein paar wenige Kollegen, die die Post in Empfang nehmen und bestellte Bücher auf den Weg bringen, verteilen sich dort großzügig auf die leeren Büroräume – alle anderen haben sich ins heimische Büro zurückgezogen. Der Montagmittag beschlossene Rückzug ins Home Office war bei uns kein Problem, denn unser Verlag ist digital gut gerüstet. Sogar die Digitalisierung der Redaktionsabläufe war gerade einen weiteren entscheidenden Schritt weitergekommen: Nachdem unser Magazin managerSeminare bereits seit einem Jahr komplett online produziert wird, ist jetzt gerade auch unsere Zeitschrift Training Aktuell komplett ins Online-Redaktionssystem umgezogen.


Für unsere tägliche Arbeit ändert sich deshalb nicht viel – außer, dass der eine oder die andere vielleicht ein paar Mal den Reflex unterdrücken muss, kurz „Guckst du mal eben?“ ins Nachbarzimmer zu rufen. Eine Zeitschrift kann man – Telefon und Internet sei dank – auch in kompletter Vereinzelung problemlos produzieren.

Damit haben wir es besser als die meisten unserer Leserinnen und Leser. Denn Trainings, Coachings, Seminare oder Workshops lassen sich nicht ganz so einfach digitalisieren, vor allem nicht ad hoc. Auch wenn es E-Learning, virtuelle Klassenräume und Webtools schon lange gibt, fremdeln immer noch viele Weiterbildungsprofis mit der digitalen Welt, wie unsere gerade erst veröffentlichte Studie „WeiterbildungsSzene Deutschland“ belegt. Viele Weiterbildungsprofis werden daher von realen Absagen und drohenden Ausgangssperren mit besonderer Wucht getroffen. Ebenso wie Fußballspiele und Industriemessen, Fachkongresse und Branchenevents, Kabarett-Abende und Gottesdienste werden auch Trainingsmaßnahmen derzeit reihenweise abgesagt, um die exponentiell ansteigende Ausbreitung einer noch weitgehend unbekannten Viruserkrankung, gegen die niemand derzeit Abwehrkräfte hat, zu stoppen.

„Die Quote liegt fast bei 100 Prozent“, weiß Stefan Gingter, der Präsident des Berufsverbandes für Training, Beratung und Coaching (BDVT), von seinen Mitgliedern zu berichten. Und diese Absagewelle läuft schon seit einigen Wochen. „Unter meinen eigenen Kunden ist beispielweise eine Bank, bei der schon seit Anfang März alle Veranstaltungen mit mehr als 30 Personen abgesagt werden“, berichtet Gingter von internen Richtlinien und Reiseeinschränkungen, die Unternehmen oft schon früh zum Schutz ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ausgegeben haben.

Unter normalen Umständen würde den Weiterbildungspartnern bei solchen Absagen natürlich eine Entschädigung für die ausgefallenen Aufträge zustehen. Normal ist derzeit allerdings wenig. Daher ist sogar fraglich, ob selbst gut ausformulierte allgemeine Geschäftsbedingungen (AGBs) mit klaren Storno-Fristen, die sich bisher gut bewährt haben, hier viel Sicherheit bieten. Denn wenn beispielsweise eine Veranstalterin die Absage nicht selbst verschuldet, muss sie für die resultierende Schäden nicht einstehen. Nur – was bedeutet „selbst verschuldet“?

„Veranstalter haben die Macht, über ihr Event zu entscheiden, wenn ihnen der Staat nicht etwas anderes gebietet“, erklärt GSA-Präsident Volker Römermann. Solange es nicht eine offizielle Anordnung zum Beispiel des lokalen Gesundheitsamtes gibt, ist eine Absage juristisch eine Ermessensentscheidung, so der praktizierende Rechtsanwalt weiter. Das Argument, dass sie nicht anders konnten, ist damit wenig valide. Eigentlich.

Allerdings, das räumt Certified Speaking Professional (CSP) Römermann ein, bleibt hier trotzdem die Frage offen, ob jemand wirklich gegen seine vertraglichen Pflichten handelt, wenn er in der aktuellen Situation eine Veranstaltung aus Vorsichtsgründen absagt. Wie schwer diese Abwägung ist, können wir selbst als Veranstalter der #PTT2020 bestätigen: Der Entschluss, das Gipfeltreffen der Weiterbildung in diesem Jahr auszusetzen und um ein komplettes Jahr zu verschieben, hat uns fast das Herz gebrochen. Auch wenn wir die Absage gleichzeitig – aus genauso tiefstem Herzen – für die einzig sinnvolle Maßnahme halten.

Wem bei ausgefallenen Seminaren oder Konferenzen eine Entschädigung zusteht, wird sich deshalb wohl nur mühsam vor Gericht klären lassen. „Rechtsprechung fehlt, viele Meinungen sind vertretbar“, betont Jurist Römermann. Ein persönliches Gespräch mit dem Kunden oder der Auftraggeberin sei oft die bessere Lösung. „Einen Ersatztermin zu finden und dann einen Großteil der rechtlich zustehenden Erstattung anzurechnen, ist in jedem Fall besser, als die Kundenbeziehung und das Honorar gänzlich zu verlieren“, meint auch BDVT-Chef Gingter.

Erst recht, da die nächsten Monate ohnehin wohl nicht einfach für Weiterbildungsprofis werden. Denn natürlich werden derzeit auch kaum neue Aufträge vergeben. Ein Kölner Trainer etwa, der normalerweise pro Jahr rund 250 Kolleginnen und Kollegen im Bereich des betrieblichen Gesundheitsmanagements ausbildet, berichtet, dass er ab April überhaupt keine Buchungen mehr hat: „Und das obwohl ich im Frühsommer sonst immer sehr gut ausgelastet bin.“ Und selbst wenn die Situation im Herbst wieder besser ist – die eigene Zeit kann er dann ja nur einmal verkaufen: „Die jetzt verpassten Termine kann ich nach der Zwangspause ja nicht einfach oben drauf packen.“

Ein anderes Problem ist, dass die auftraggebenden Unternehmen ebenso unter der Krise leiden wie die Weiterbildner selbst und deshalb vermutlich zunächst erst einmal andere Sorgen haben: „Auch wenn sich die Situation wieder beruhigt haben wird, werden Unternehmen aufgrund ihrer Verluste nicht als erstes in die Qualifizierung ihrer Mitarbeiter investieren“, gibt etwa Stefan Rihl aus München zu bedenken. Trainerinnen oder Supervisoren werden unter der Situation daher sicher deutlich länger leiden als etwa Kleinkünstler oder Kneipenwirtinnen.

Der Münchener Seminarschauspieler und Trainer hat deshalb zusammen mit fast 5.000 anderen die Petition unterschrieben, die der BDVT initiiert hat, um ins öffentliche Bewusstsein zu bringen, wie schnell die Menschen in der Weiterbildungsbranche in die Insolvenz rutschen könnten: „Um eine derzeit nicht absehbare Zeit ohne Erwerbseinkommen zu überbrücken, sind sie auf staatliche Hilfen angewiesen.“

Diese soll es auch geben, hört man derzeit von Regierungsseite. So sind schon im ersten Maßnahmenpaket, das in Rekordzeit verabschiedet wurde – dem „Schutzschild für Beschäftigte und Unternehmen“ –Freiberufler und Kleinstunternehmen sowie Solo-Selbständige ausdrücklich eingeschlossen. Zusätzlich wird derzeit offenbar ein weiteres Hilfspaket speziell für notleidende Solo-Selbstständige und Kleinstfirmen geschnürt, das vorerst zehn Milliarden Euro für direkte Zuschüsse und 30 Milliarden Euro für Darlehen umfasst, berichtet heute der Deutschlandfunk. Das ist gut – für eine vollständige Erholung des Trainingsmarktes wird es aber sicher nicht sorgen können.

Weiterbildungsprofis sollten daher jetzt anfangen, sich neue Medien und Aktivitätsfelder zu erschließen – und beispielsweise Ersatz im virtuellen Klassenraum anzubieten: „Von den meisten Unternehmen wird das dankbar angenommen“, erklärt Gingter, der dies selbst als Trainer schon länger macht.

Technisch ist es das möglich – auch bei größeren Trainings und sogar Konferenzen, wie das aktuell gerade laufende Corporate Learning Camp vormacht. Coaching und Beratungsgespräche lassen sich mit ihrem Eins-zu-Eins-Format ohnehin leicht in alle gängigen Konferenztools übertragen. Fast alle Konferenztools bieten neben Gruppen-Chats beispielsweise auch die Möglichkeit, den Bildschirm wie ein Flipchart gemeinsam zu bearbeiten oder die Teilnehmenden in Kleingruppen aufzuteilen und in virtuelle Einzelräume zu schicken.

Die Gelegenheit, dies auszuprobieren, ist günstig: Die großen Anbieter der entsprechenden Software – v.a. Microsoft, Google, Cisco und Zoom – bieten derzeit besonders lange kostenlose Probe-Abonnements an oder haben die Gratisversionen ihrer Angebote deutlich ausgebaut und Beschränkungen in Zeit oder Personenanzahl vorübergehend aufgehoben. Auch wir gehen so neue Wege: Für die Bildbesprechung, die wir normalerweise gemeinsam im Besprechungsraum durchführen, haben wir jetzt eine Cloud-Lösung, die Video-Chats ermöglicht. Wie die funktioniert, wissen wir bald – nach der nächsten Bildbesprechung.

Zeit für solche Experimente sollten die Weiterbildner ja gerade jetzt haben. Statt frustriert das leere Auftragsbuch anzuschauen, kann man sich also vielleicht auch dazu entschließen, sich in eine neue Software einzuarbeiten. Und sich – schon allein zu Übungszwecken – mit Kollegen zusammenschalten, denen es ähnlich geht wie einem selbst.

Mehr dazu, wie es Weiterbildnern in der Corona-Krise geht und was zu beachten ist, berichten wir in der kommenden Ausgabe unserer Zeitschrift Training Aktuell – die komplett online und aus der Distanz heraus produziert – hoffentlich pünktlich am 30. März 2020 erscheinen wird.

Fotocredit: Christian Engels für managerSeminare, Bonn.


Kommentare (0) | Kategorie: Lernen & Lehren, Training & Development

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