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Das Blog


15. November 2019 | Von Redaktion

Konferenz „Future of Work 2019“: Spotlights auf die Führungsrolle von morgen

Der Name der Konferenz „Future of Work 2019“ war Programm – zumindest fast. Denn mehr noch als die Frage, wie wir in Zukunft arbeiten, stand die nach der Rolle der Führungskraft in der Arbeitswelt von morgen Mitte November in Frankfurt im Mittelpunkt. Auf diese Rolle wurden mehrere Spotlights geworfen, die zusammengenommen ein logisches Bild ergaben: Führungskräfte werden sich in Zukunft vor allem auf jene Aufgaben konzentrieren müssen, vor denen Algorithmen (noch lange) kapitulieren werden.

Ein Beitrag von Andree Martens

Frauen in Blusen und Männer mit Hemden, die Arme erhoben, trommeln mit ihren Fingern auf ihre eignen Köpfe und wiederholen mantraartig: „Wach auf mein Hirn.“ Alle lächeln, einige lachen, zwischendurch prustet einer richtig los. Das soll so sein. Schließlich heißt der Programmpunkt „Lach-Yoga“. Bei diesem sollen die Teilnehmer der Konferenz „Future of Work 2019“ Energie für die nächsten Vorträge und Diskussionen sammeln, eben ihr Hirn noch einmal richtig aufwecken – jenes menschliche Organ, dem, um eine Quintessenz der Konferenz vorwegzunehmen, in einer immer digitaleren Arbeitswelt eine immer größere Bedeutung zukommt.

Der Name der Konferenz ist Programm – zumindest fast. Denn mehr noch als die Frage, wie wir in Zukunft arbeiten, steht die nach der Rolle der Führungskraft in der Arbeitswelt von Morgen im Vordergrund der Veranstaltung, die der Frankfurt School Verlag ausrichtet. Eine Frage, die die rund 150 Teilnehmenden naturgemäß stark interessieren dürfte: Die meisten von ihnen sind selbst Führungskräfte, die anderen unterstützen Führungskräfte als Personalentwickler oder Berater.

Dass der Hausherr der Veranstaltungslocation, die Frankfurt School of Finance & Management, zum Thema einiges zu sagen hat, liegt auf der Hand. Schließlich werden an der Privatuni Manager und Managerinnen von Morgen ausgebildet. In persona von Uni-Präsident Nils Stieglitz, Professor für Strategie, hält er dann auch die Eröffnungs-Keynote, in der er gleich mehrere Spotlights auf die Führungsrolle in der Zukunft wirft.

Stieglitz‘ zentrale These: Manager werden sich in Zukunft immer weniger mit Management beschäftigen. „Klassische Management-Fragen werden künftig von Algorithmen auf der Grundlage großer Datenmengen beantwortet“. In welchen Markt es sich lohnt, zu investieren. Wo es ratsam ist, Kapital rauszuziehen. Wie die Prozesseffizienz gesteigert werden kann. All das werde künftig von Maschinen errechnet. Ganz heraushalten werden sich Führungskräfte bei diesen Fragen jedoch nicht können. „An ihnen wird es sein, zu entscheiden, welchen datenbasierten Empfehlungen das Unternehmen folgt und welchen nicht.“ Was alle Führungskräfte dafür laut Stieglitz unbedingt benötigen: ein Verständnis dafür, was Algorithmen leisten können und – besonders wichtig – was nicht.

Eine Sache, die sie nicht bzw. nicht gut leisten können: mit Unsicherheit umgehen. „In Kontexten hoher Ambiguität sind Algorithmen bzw. Computer weit schlechtere Entscheider als Menschen“, so Stieglitz. Daher sind etwa für alle Entscheidungen, die die Zukunft betreffen und den Weg dahin – schließlich ist die Zukunft per se mehrdeutig – Menschen besser geeignet als Computer. Dem Wissenschaftler schwebt eine funktionale Arbeitsteilung vor: Während Algorithmen das Daily Management Business erledigen, kümmern sich die Manager um die Zukunftssicherheit und die dafür notwendige Transformation des Unternehmens. Die wichtigste Voraussetzung für diesen Job sei ein breites Allgemeinwissen. Das sei die beste Basis, um neu- und andersartige Lösungen entwickeln zu können.

Zur Zukunftssicherung gehört auch die Entwicklung neuer, innovativer Geschäftsmodelle. Auch an dieser Aufgabe werden sich Algorithmen noch sehr lange die Zähne ausbeißen. Sagt einer, der es wissen muss, arbeitet er doch für einen der oder vielleicht sogar den digitalen Weltmarktführer schlechthin: Google. Stefan Hentschel ist bei Google Deutschland unter anderem für die Zusammenarbeit mit hiesigen Industrieunternehmen zuständig. In seinem mit viel Verve auf die Bühne gebrachten Vortrag liefert er aber auch Beispiele aus anderen Ländern, wie digitale Geschäftsmodellentwicklung und -weiterentwicklung funktioniert. „Haben Sie schon einmal in den USA Spaghetti bei McDonald‘s gegessen?“ fragt er ins Publikum, wirft eine Folie an die Wand mit einem McSpaghetti-Karton – und erntet Stille und fragende Gesichter.


Tatsächlich hatte McDonald’s nie Spaghetti im Angebot, aber in einigen Filialen eine zeitlang auf der Karte stehen. Immer wenn ein Kunde die orderte, machte der Verkäufer einen Strich und erklärte, dass die Spaghetti leider aus seien. Da die Strichlisten letztlich ziemlich dürftig ausfielen, wurden die Spaghetti nie ins Angebot aufgenommen. Doch darum geht es laut Hentschel auch gar nicht, sondern ums Prinzip, dem hier gefolgt wurde und das einen sehr guten Weg beschreibe, um sich in die Zukunft voranzutasten: Pretotyping: „Prototypen werden getestet, bevor sie entwickelt werden“, erklärt es der Google-Manager.

Wenn das Management Pretotyping vorlebt und damit Mut zum Neuen und zum Ausprobieren beweist, schürt es damit auch den Innovations- und Unternehmergeist der Mitarbeitenden, erklärt Hentschel. So werde eine innovative Unternehmenskultur gefördert, die in einer immer digitaleren Welt immer wichtiger werde: „Produkte, Prozesse – kopieren lässt sich mittlerweile alles. Was sich nicht kopieren lässt und auch in Zukunft nicht kopiert werden kann, ist die Unternehmenskultur.“

Zur Rolle der Manager als Zukunftssicherer gehört es jedoch nicht nur, mutig voranzuschreiten, sondern auch, die Mitarbeitenden zum Mitkommen auf dem Weg in die Zukunft zu motivieren. Darauf weist Ana-Christina Grohnert, die bis März dieses Jahres Personalvorständin der Allianz war, in ihrem Vortag hin. Die Topmanagerin, die in ihrer aktuellen Funktion als Leiterin der Initiative Charta der Vielfalt (Link) derzeit in regem Austausch mit vielen Unternehmen steht, hält in diesem Zusammenhang unter anderem zwei Aufgaben für zentral. Die erste: Die Purpose-Diskussion im Unternehmen anheizen und am Leben halten, „dadurch kann das Unternehmen mit erheblicher Energie versorgt werden“. Die zweite: Eine glaubhafte Zukunftsvision des Unternehmens aufstellen und vermitteln, damit die Menschen im Unternehmen wissen, wo die Reise hingeht und ein Gefühl der Sicherheit entsteht, dass die Reise überhaupt weitergeht.

Dafür müssen sie etwas können, was einfach klingt, vielen Managern jedoch schwerfällt, und in der Zukunft nach Meinung von Strategie-Professor Stieglitz die wohl wichtigste Management-Aufgabe sein wird: „Visionen und Ideen systematisch kommunizieren. Das ist etwas, wobei Computer noch über viele Jahre große Probleme haben werden.“

Foto 1: Lachyoga mit Fang Martin – das eigene Hirn aktivieren.
Foto 2: Prof. Dr. Nils Stieglitz von der Frankfurt School of Management & Finance – Zukunftssicherung als wichtigste Managementdisziplin.
Foto 3: Stefan Hentschel von Google Deutschland – Hemdsärmelige Innovation via Pretotyping.

Fotoquelle: Frankfurt School Verlag


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5. November 2019 | Von Redaktion

#DigitalX: Vermenschlichte Daten, verdatete Menschen

Bunt, spektakulär, prominent besetzt: Die „Digital X“, mit der die Deutsche Telekom am 29. und 30. Oktober insgesamt 20.000 Besucher in die Messe Köln lockte, war das Finale einer Veranstaltungsreihe, mit der der Konzern bereits zum zweiten Mal durch die Republik tingelte und für die Weiterentwicklung der Digitalisierung – und die eigenen Leistungen – warb. In vielen Vorträgen ging es um das Verhältnis von Daten und Menschen, das es neu zu justieren gilt.

Ein Beitrag von Sascha Reimann

Von KI und Blockchain über 5G, Flugtaxis und selbstfahrende Autos bis hin zu Virtual Reality und Industrie 4.0 – es scheint keinen Trend zu geben, in dem Digitalisierung und Telekommunikation eine Rolle spielen, der auf der Digital X nicht beleuchtet wird. Wobei „beleuchten“ sogar fast zu bescheiden formuliert ist angesichts der Mischung aus Firmenevent, Konferenz und Popkonzert, bei der der Veranstalter an nichts gespart hat. Vor allem nicht am Line-up, zu dem keine Geringeren als der Erfinder des Internets, Tim Berners-Lee, der Gründer von Wikipedia, Jimmy Wales, und Richard Branson, seines Zeichens einer der bekanntesten Unternehmerfiguren der Welt, gehören. Dazu noch jede Menge Prominenz aus dem eigenen Konzern, Tim Höttges etwa, Berühmtheiten wie Wladimir Klitschko oder Carsten Maschmeyer, bekannte Keynoter wie Karl-Heinz Land, Jürgen Dahmen und Nicole Brandes sowie Vertreter renommierter Firmen und Startups, mit denen die Telekom zusammenarbeitet.

Doch bei aller Magenta-Selbstinszenierung – auch inhaltlich ist einiges geboten auf der Digital X. Im Zentrum vieler Beiträge steht das Verhältnis von Menschen und Daten, sowie die Chancen und Risiken, die sich aus dessen Veränderung ergeben. Dabei geht es um Fragen, wo und wie wir in digitalen Zeiten arbeiten, welche Werkzeuge wir nutzen können, um ein digitales Business zu gestalten. Und wie man Arbeit bewertet, wenn sie von überall und jederzeit stattfindet.

Welche Rolle Daten bei Letzterem spielen können, zeigt Harald Fladischer vom Startup „neXenio“ auf der „Future Stage“, die ringsum von Sitzwürfen und Baugerüsten umgeben ist. Die Berliner nutzen die Sensortechnik von Handys, um anhand von Bewegungsmustern ihre Träger eindeutig zu identifizieren und ihnen zum Beispiel an Schleusen automatisch Zugang zu gewähren. Künftig könne Sensortechnik auch dazu dienen, zu erkennen, ob der Träger gerade produktiv arbeitet, so Fladischer. Arbeitslohn könne dadurch mehr an der tatsächlichen Aktivität ausgerichtet werden als an eigentlich irrelevanten Messgrößen wie Anwesenheit in einem Büro.

Das immer intensivere Verhältnis von Daten und Menschen führt aber nicht nur zu Vereinfachungen, auch Überforderung und Wissensverlust sind eine mögliche Folge. Neurowissenschaftler und Psychologe „Volker Busch“ legt in der wie ein Basketball-Feld gestalteten „Disruption Stage“ dar, warum unser Gehirn der digitalen Informationsflut gar nicht gewachsen ist und Computer in vielen Bereichen besser Muster erkennen können. Was den Mensch aber unersetzbar macht, ist nach Busch, dass er nicht nur einen Kopf hat, sondern auch ein Bauchgefühl, das auf Erfahrung beruht, und das ihn zu etwas befähigt, was Computer nicht können: Sinn erzeugen, Hypothesen aufstellen, zwischen den Zeilen lesen und Entscheidungen treffen, die über bloße Korrelationen hinausgehen. Dieses Bauchgefühl ist aktuell jedoch durch das Sich-Verlassen auf Daten in Gefahr: Bei den Inuit etwa sei zu beobachten, dass ihr immenses traditionelles Orientierungswissen in Eis und Schnee seit der Verfügbarkeit von GPS-Daten schrittweise verloren geht – mit der Folge, dass die Zahl der Unfälle rapide steigt. Buschs Schlussfolgerung: Trotz oder sogar wegen der immer besseren Daten, müssen wir darauf achten, Erfahrungen zu sammeln und mit unserer Intuition in Kontakt zu bleiben.

Die technische Entwicklung scheint allerdings eher in eine andere Richtung zu gehen, weg von menschlicher Intuition hin zu künstlicher Intelligenz. Für das Verhältnis von Mensch und Maschine ist das nicht unbedingt vorteilhaft: Beraterin Ulla Coester etwa warnt vor den Möglichkeiten zur Überwachung und zum „Social Scoring“ durch KI. Die Autorin Alex Rosenblatt zeigt, wie Fahrdienstanbieter Uber die Technologie nutzt, um Mitarbeitende auf eine Weise zu steuern, die nach Freiheit aussieht, in Wirklichkeit aber gängelt. Viele Ängste, die sich um KI drehen, beruhen allerdings auf einem Missverständnis, wie „Armin Grunwald“, Leiter des Büros für Technikfolgeabschätzung beim Deutschen Bundestag erklärte. Die Vorstellung, dass künftig Maschinen entscheiden, stellt demnach eine unzulässige Vermenschlichung dar . Denn, so der Professor, was Künstliche Intelligenz tut, habe mit Entscheiden wenig zu tun. Vielmehr handele es sich um programmierte Reaktionen auf einen definierten Dateninput.

Während die Diskussion um KI also teilweise an der Realität vorbeigeht, gibt es weit drängendere Probleme mit dem aktuellen Umgang mit Daten, die zu wenig beachtet werden. So warnen die beiden Internetpioniere „ Tim Berners-Lee“, der vor 30 Jahren das World Wide Web erfunden hat, und „Jimmy Wales“, Gründer der Wikipedia, vor Fehlentwicklungen des Internets, dessen Ursprungsidee gewesen ist, Menschen miteinander und mit dem Wissen der Welt zu verbinden. Wales zufolge sind diese Errungenschaften in Gefahr, weil Fake News demokratische Institutionen aushebeln, was noch verschärft wird durch die Finanzierungssysteme des Internets, die Klicks belohnen, nicht Qualität. Berners-Lee sorgt sich zudem um die zunehmende Segregation des Netzes: Durch Social Networks wie Facebook, Instagram oder LinkedIn werden demnach Inseln im Netz geschaffen, zwischen denen es keine Verbindung und damit auch keinen Austausch gibt.

Um dieser – letztlich gesellschaftsbedrohenden – Zersplitterung zu begegnen, arbeiten Berners-Lee daran, wie sich der eigene Content an die Benutzer zurückgeben lässt. Seine Lösung heißt „Solid“. Hinter der Abkürzung, die für Social Linked Data steht, verbirgt sich eine Sammlung von Standards und Formaten, die es jedem User erlauben sollen, die eigenen Daten selbst zu speichern und in alle beliebigen Plattformen zu verteilen, statt sie Dienstleistern zu überlassen, die – der Facebook/Cambridge Analytica-Skandal lässt grüßen – sie zu eigenen Zwecken missbrauchen können. Wales‘ Ansatz für mehr Qualität im Netz ist ein News-Portal, das wie die Wikipedia auf Offenheit und Selbstregulation basiert. Die Community dazu ist noch im Aufbau, Interessierte können sich unter https://wt.social anmelden.

Das Ziel beider Projekte ist es, Menschen wieder mehr Einfluss auf ihre Daten zu geben. „Jowan Österlund“ spricht von digitaler Souveränität oder digital Ownership, die er seiner Firma Biohax ermöglichen will, wenn auch auf radikal andere Weise als die beiden Internetvordenker. Nämlich durch einen Chip, den man sich in die Hand implantieren lassen kann. Was sich wie eine weitere Entschmenschlichung bzw. Datafizierung des Menschen – Stichwort Cyborg – anhört, klingt bei Österlund ganz anders. Seiner Meinung nach ist unsere Identität zum großen Teil bereits digital, wobei die Beweise unserer Existenz in externen Geräten wie Handys oder in Kreditkarten stecken, ohne Verbindung zum physischen Selbst und der Nutzung von Fremdanbietern ausgeliefert. Für ihn ist es daher eine Frage der Ethik, digitale und physische Existenz wieder zusammenzuführen.

Das Verhältnis von Mensch und Daten wird sich, so lässt sich eine Quersumme vieler Vorträge auf der Digital X ziehen, in den nächsten Jahren stark verändern, wobei es darauf ankommen wird, es so zu gestalten, dass es dem Menschen nutzt. Dazu gehört auch der Faktor Umwelt, wie „Aya Jaff“ betont. Die 24-jährige Programmiererin, die im Forbes-Magazin zu den einflussreichsten Unter-30-Jährigen gezählt worden ist, nennt Zahlen, denen zufolge 2030 acht Prozent des weltweiten Energieverbrauchs für die Speicherung und Verarbeitung von Daten verwendet werden (zum Vergleich: der weltweite Flugverkehr verbraucht aktuell zwei Prozent). Für das künftige Verhältnis von Daten und Menschen müsse daher nicht nur darüber gesprochen werden, wie digitale Lösungen zu mehr Nachhaltigkeit beitragen können, sondern auch über die Nachhaltigkeit der digitalen Welt selbst.

Foto 1: Bunt und prominent besetzt – Die Digital X war nicht nur optisch aufwendig gestaltet
Foto 2: Neurowissenschaftler und Psychologe Volker Busch über die Notwendigkeit von Bauchgefühl und Intuition in digitalen Zeiten
Foto 3: Will Usern die Kontrolle über ihre Daten wiedergeben: Internet-Erfinder Tim Berners-Lee (links im Bild)
Bildquelle: Deutsche Telekom AG


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10. Oktober 2019 | Von Redaktion

1. Kongress Wirtschaft und Spiritualität: Mutige Mischung

Augenhöhe, Wertschätzung, Achtsamkeit, Purpose – um solche Dinge geht es bei vielen Veranstaltungen zum neuen Arbeiten und Wirtschaften. Und die Frage nach einem tieferen Sinn und höheren Werten klingt dabei immer mit an. Bisher allerdings hat es noch niemand gewagt, genau diese Frage so offensiv in den Mittelpunkt zu stellen wie es die Veranstalter der Kongresspremiere, die von 3. bis 6. Oktober 2019 in Kirchzarten bei Freiburg stattfand, taten: Hans-Jürgen Lenz, Chef der Balance Unternehmensberatung, und die IAK GmbH platzierten im Titel ihrer Veranstaltung einen Begriff, der im Business bisher vor allem Skepsis garantiert, und luden zum „1. Kongress Wirtschaft und Spiritualität“.

Ein Beitrag von Sylvia Lipkowski

„Ich bin nicht ganz sicher, ob ich hier richtig bin…“ So beginnt Claus Eurich seinen Eröffnungsvortrag im Kirchzartener Kurhaus. Der Philosoph und Kontemplationslehrer, der vor zwei Jahren Professor für Kommunikation und Ethik am Institut für Journalistik der TU Dortmund war, kann sein Publikum offenbar nicht so recht einschätzen. Ob er mit seiner Forderung nach einem „Aufstand für das Leben“ – so der Titel seines Vortrags wie auch des Buchs, in dem er Visionen für eine lebenswerte Erde vorstellt und Richtlinien für ein entsprechendes ethisches Handeln entwickelt – bei ihnen an der richtigen Adresse sein wird? Aus dem Titel der Veranstaltung lässt es sich nicht direkt ableiten: Denn was bedeutet eigentlich Spiritualität? Und wofür steht sie in Verbindung mit dem Begriff Wirtschaft?

Mit dieser Unsicherheit ist Eurich sicher nicht allein im Saal, in dem sich rund 200 Teilnehmerinnen und Teilnehmer versammelt haben. Die Mischung ist bunt, und das nicht nur optisch: Sakkos sind ebenso zahlreich wie bunte Tücher, Turnschuhe stehen neben Pumps und Slippern – und die selbstständige Physiotherapeutin und der Organisationsentwickler neben der Inhaberin einer Handwerksfirma, dem Chef der Freiburger Uni-Klinik, dem Energieberater und dem Manager eines Motorsägenherstellers.

Jens Riese erstaunt die anwesende Vielfalt kaum. „Die Menschen haben eine Sehnsucht nach Spiritualität – in jedem Kontext, auch im Business“, meint der Coach und Leadership-Trainer aus München, der bis vor einigen Monaten Senior Partner bei McKinsey war. Dort betreut er noch immer das „Centred Leadership Program“ für Führungskräfte, das er mitentwickelt hat. Denn viele Menschen, so seine Erfahrung, tragen auch in ihrem Arbeitsalltag die Frage mit sich herum, ob sie „hier richtig“ sind.

Auf der Suche nach Antworten – auf diese wie auch alle anderen Fragen – scheitern sie dabei immer häufiger, da sie mit den gewohnten Ansätzen angesichts der enormen Dynamik unserer heutigen Welt an ihre Grenzen stoßen. „Nur durch Analyse lässt sich Komplexität nicht bewältigen“, erklärt Michael Böttcher, der sich bei der Lufthansa als Organisationsentwickler um die Unternehmenskultur kümmert.

Für beide Manager ist der Blick über den Tellerrand des Verstandes deshalb die logische Konsequenz. „Wir müssen unsere innere Komplexität erweitern, um mit der äußeren Komplexität zurecht zu kommen“, glaubt Führungskräfteentwickler Riese mit Blick auf die VUKA-Welt. Stabilität bietet hier die Orientierung an Werten und Ethik und das Streben nach persönlicher Integrität. Die stetige persönliche Weiterentwicklung ist für Riese deshalb ein entscheidender Aspekt von Spiritualität – auch wenn er den Begriff im Gespräch mit potenziellen Klientinnen und Klienten bisweilen lieber nicht sofort gebraucht.

Auch Böttcher wählt in seinem Job die eigenen Worte vorsichtig, um nicht in Esoterik-Verdacht zu geraten. Die zentralen Begriffe, die auf seinen Powerpoint-Folien stehen, heißen zunächst Innovation, Drive, Kollaboration und Empowerment – bereiten aber die Basis für Gespräche über Augenhöhe, Vertrauen und Verbundenheit. Erreicht hat er mit seiner Abteilung so die Entwicklung eines entsprechenden kulturellen Zielbildes. „Und wir haben auch die Führungskräfteentwicklung innerhalb der vergangenen drei Jahre einmal auf links gedreht“, berichtet Böttcher. Nun werden auch mal syrische Studenten als Impulsgeber eingeladen oder Führungskräfte in einem Seminar völlig ohne Agenda allein gelassen – und manchmal sogar zum Dialog mit einem Baum ermutigt.

Dabei nimmt der Psychologe, der als Student bei den Startbahn-Demos in den 1980er Jahren noch auf der anderen Seite stand, in Kauf, Ambivalenzen auszuhalten, mit denen er sich regelmäßig konfrontiert sieht. „Manche Dinge sind einfach nicht besprechbar“, räumt der Organisationsentwickler ein. Post-Wachstumsideen etwa oder die Frage, ob Geschwindigkeit wirklich ein so zentraler Erfolgsfaktor ist. Aufgeben will Böttcher, der ganz offensichtlich stolz ist, schon seit 20 Jahren zur Fluggesellschaft zu gehören, trotzdem nicht – sondern weiterhin „lernträchtig irritieren“ und als Brückenbauer zwischen dem Bewährten und dem Neuen agieren. Er zumindest scheint die Frage, ob er richtig ist, wo er ist, für sich beantwortet zu haben.

Wahrscheinlich folgt der Organisationsentwickler damit sogar dem ökologischen Imperativ von Hans Jonas, der im Eingangsvortrag von Eurich als handlungsleitend empfohlen wurde. Der 1993 verstorbene Philosoph hatte schon 1979 in seinem Hauptwerk „Das Prinzip Verantwortung“ versuchte, eine Ethik für die technologische Zivilisation zu entwickeln, und in Anlehnung an Immanuel Kants kategorischen Imperativ den Leitsatz formuliert: „Handle stets so, dass die Wirkungen deiner Handlung verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden.“ Ein langsameres, tieferes Denken in Unternehmen zu bringen, ist da möglicherweise kein schlechter Ansatz.

Denn gerade dort gibt es entscheidende Hebel, um die notwendigen Veränderungen für eine lebenswerte Zukunft einzuleiten, ist Peter Quick überzeugt. „Wirtschaftsunternehmen sind die einzige Kraft, die schnell etwas bewegen kann, weil sie in weniger Zwängen stecken als die Politik“, meinte der Chef der Promega GmbH, der deutschen Tochter eines amerikanischen Biotechnologie-Unternehmens. Bei Promega setzt man deshalb u.a. auf nachhaltig verträgliches Wachstum, etwa beim Bau einer energieeffizienten neuen Deutschlandzentrale, und auf ein ausdrückliches Bekenntnis zur UN-Menschenrechtscharta in Zusammenarbeit mit Partnern weltweit.

Gefördert wird aber auch die persönliche Bewusstseinsbildung der international 1.500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beispielsweise mit Achtsamkeit und Intuitionstrainings in regelmäßigen Bootcamps. „Das ist gerade für Naturwissenschaftler schon eine ziemliche Herausforderung“, so Quick. Immerhin 130 der Life Science Researcher haben sie im vergangenen Jahr freiwillig angenommen und unterstützen nun, so ist man bei Promega überzeugt, nicht nur eine intensivere Zusammenarbeit innerhalb des Unternehmens, sondern tragen ihre Erkenntnisse auch in den Rest der Gesellschaft hinein.

Die zentralen Inhalte, die im ProMindful genannten Programm bei Promega transportiert werden, sind Respekt, Achtsamkeit sich selbst und anderen gegenüber, Empathie und Menschlichkeit. All diese Elemente aber sind – das wird im Laufe der vier Kongresstage deutlich – auch zentral für die Definition von Spiritualität. Letztlich nämlich läuft fast jeder Beitrag und jedes Gespräch in Kirchzarten darauf hinaus, dass alles miteinander zusammen– und voneinander abhängt. Ob in der Quantenphysik, der „transrationalen“ Intelligenz, im Buddhismus, bei Gemeinwohlbilanzen oder in der Ökologie: Nichts kann isoliert verstanden oder verändert werden, ohne dass etwas anderes davon beeinflusst wird.

„Wer ein 10-Liter-Auto fährt, bekommt Klimaflüchtlinge, wer Waffen verkauft, Bürgerkriege“, fasst es Theologe und Buchautor Franz Alt in seiner Keynote zusammen. Diese Zusammenhänge müssen wir begreifen, wenn wir nicht von der Erde verschwinden wollen, so sein Appell: „Denn nur mit ganzheitlichen Ansätzen lassen sich unsere Probleme heute noch lösen.“ Damit das gelingt, sind Offenheit und eine gewisse Klugheit nötig, vor allem aber – und hier zitiert Alt den Dalai-Lama – „ein gutes, menschliches Herz.“ Denn wer das hat, wird sich immer am richtigen Platz fühlen und wissen, was zu tun und was zu unterlassen ist. Das kann man dann effiziente Komplexitätsverarbeitung, Centered Leadership oder praktische Ethik nennen. Oder – wenn man ganz mutig ist – eben auch Spiritualität.

Fotos: S. Lipkowski; Graphic Recording in Bild 2 von Mathias Weitbrecht, Visual Facilitators, Hamburg


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7. Oktober 2019 | Von Redaktion

Glücklich in 90 Minuten: Denkanstöße von der Bühne

Mit dem Theaterstück und Musical „Glücklich in 90 Minuten“ hat sich der Hamburger Trainer und Coach Thomas Birkhahn einen Lebenstraum erfüllt, nämlich das Thema persönliche Entwicklung als einprägsames Musical auf die Bühne zu bringen. Aktuell ist das Stück rund um die Sinnfrage von Job und Leben in Hamburg zu sehen.

Beitrag von Andrea Bittelmeyer

Vor wenigen Minuten noch ist Carl-Christian Blau, dynamischer Manager in einer Capital Venture Firma, dem großen Geschäft hinterhergejagt, hat seine Konkurrenten und seinen Chef mit Spott bedacht. Jetzt kann er nicht einmal mehr sein Büro verlassen. Eigentlich muss er zum Flughafen, um in Peking ein Investment in Millionenhöhe abzuschließen. Kaum will er jedoch durch die Tür treten, plagen ihn Atemnot und Herzrasen. Er fasst sich an die Kehle, ringt nach Luft, nichts geht mehr. Blau ist gefangen. Die Angst hält ihn im Griff. Hatte Blau kurz zuvor am Telefon erklärt: Er komme „wann Sie wollen – ein Wink von Ihnen und ich sitze im Flieger.“ Wollte er gerade noch beim „Kickoff Meeting performen“ und den „Deal closen“, sitzt er nun in seinem Büro fest.

Carl-Christian Blau ist die Hauptfigur in dem Theaterstück und Musical „Glücklich in 90 Minuten“, das der Coach und Trainer Thomas Birkahn in Kooperation mit den Hamburger Kammerspielen produziert hat, wo es in diesem Herbst auf dem Spielplan steht. In dem Stück dreht sich alles darum, was uns in einer Welt, in der wir frei sind wie noch nie, glücklich und zufrieden macht. „Was erwarten wir vom Leben?“ ist auch die Frage, die ganz zu Anfang von Blaus Coach gestellt wird, der die Geschichte des Managers nüchtern analysierend begleitet: ein toller Job, Geld, Segelyacht, die Villa im Hamburger Nobelstadtteil Blankenese? Man ahnt es schon, all das ist es nicht.

Gezeigt wird dies in einer temporeichen Mischung aus Schauspiel, Vortrag und Musik von vier Schauspielern, die zum Teil in wechselnde Rollen schlüpfen. Die Songs – geschrieben und komponiert von dem Schauspieler, Drehbuchautoren und Komponisten Jan-Christof Scheibe – werden live von einem Gitarristen und einem Percussionisten begleitet. „Wenn du denkst, du bist inside, ich bin insider. Wenn du denkst, du hast den Check, Du irrst Dich leider“, singt Blau selbstverliebt zu Beginn. Später kommen nachdenkliche Töne: „Mein Kumpel Angst – da ist er ja wieder.“ Oder die bange Frage: „Kann es sein, verdammt, bin ich die ganze Zeit in die falsche Richtung gerannt?“

Seinen Schabernack treibt Scheibe, der das gesamte Stück mit viel Ironie und Augenzwinkern geschrieben hat, mit den alltäglichen Anglizismen im „Office“. „Der Chef will Sie sprechen: A – S – A – P“, sagt die Sekretärin. Die Mitarbeiter sollen auf „Core Values comittet“ werden und zwar „across-the-board“. Blaus Konkurrent ist jetzt – im Gegensatz zu ihm – ein echter „Gamechanger“. Und natürlich ist die Firma „keine Charity Veranstaltung“, erklärt der größenwahnsinnige Firmenchef per Videokonferenz und verschwindet zum Kurzurlaub auf die Malediven – „solange es die noch gibt“.

Blau, der gefangen in seinem Büro sitzt, hat – so konstatiert der nicht minder von sich selbst überzeugte Coach – 1.000 Möglichkeiten. Der von Panik getriebene Manager selbst sieht allerdings nur eine, will nur schnell wieder aus dem Büro heraus, um es seinem Chef zu beweisen und um doch noch Partner in der Firma zu werden. „Das Gedankenkarussell dreht sich unermüdlich, lässt sich nicht abschalten“, erklärt der Coach süffisant.

Nur langsam merkt Blau, dass er auch vor seiner plötzlichen Panikattacke alles andere als frei war. Getrieben von Zahlen, einem gnadenlosen Chef und dem Markt, auf dessen Entwicklung nicht nur seine Branche so gebannt starrt. Denkanstöße kommen von seiner Tochter, dem Fahrradkurier und dem pakistanischen Putzmann, die nach und nach in seinem Büro auftauchen. „Schade für Dich“, singt die Tochter und meint damit nicht nur den Abi-Ball, den ihr dieses Mal sogar im Wortsinn nicht aus dem Büro kommender Vater an diesem Abend verpasst hat, sondern die permanente Abwesenheit Blaus in ihrer Kindheit. Sie erinnert sich nur an die gemeinsame Zeit mit ihrer Mutter, die längst ausgetauscht ist gegen die „aktuelle Lebenspartnerin“, ungefähr so alt wie die Tochter. Der Fahrradkurier berichtet, dass er auf Weingütern gearbeitet und in Buenos Aires gelebt hat – beides Träume von Blau.

Wie der Einzelne sein Glück finden kann, lässt das Stück offen. Blau schleicht am Ende ratlos aus dem Saal und auch die Erörterungen des Coachs über das Unterbewusstsein, Glück und Zufriedenheit liefern – wie in 90 Minuten eben doch unmöglich – die Lösung nicht. Dennoch ist es amüsant, sich das im Wirtschaftsleben immer wieder abspielende Drama anzusehen, und in den vielen aufgeworfenen Fragen findet jeder Zuschauer die passende für sich selbst. Schließlich hat jeder seinen wunden Punkt, an dem er alten Mustern folgt, sich gefangen fühlt, es eigentlich lieber anders machen würde. Und wenn man dann am nächsten Morgen seine E-Mails liest, kann man den Bezug zum eigenen Leben nicht verleugnen. Denn da sind sie schon wieder, die Anglizismen, über die man am Abend noch gelacht hat.

Der Hamburger Trainer und Coach Thomas Birkhahn jedenfalls ist seinen eigenen Anregungen zum Glück gefolgt und hat sich mit dem „Coachical“ (kreative Wortschöpfung des Hamburger Abendblatts) einen Lebenstraum erfüllt, den er schon 30 Jahre lang mit sich trug: den Stoff Bildung und persönliche Entwicklung als einprägsames Musical auf die Bühne zu bringen. Die Besucher des Stücks will Birkhahn zum Weiterdenken anregen, für Firmen bietet er dazu die passenden Workshops an. Im November gibt es für „Glücklich in 90 Minuten“ weitere Termine in den Hamburger Kammerspielen, auch für das kommende Jahr sind Aufführungen geplant, zudem soll das Stück auf Deutschlandtournee gehen.

*********
Fotos: Was ist Glück? Auf der Bühne performen Lara – die Geliebte (Schauspielerin: Madeleine Louw), Carl-Christian Blau – der Manager (Schauspieler: Mario Ramos) und David Lautenschläger – der Coach (Schauspieler: Tim Grobe). Im Hintergrund die Musiker: Gitarre: Johannes Wennrich, Percussionist: Yogi Jockusch
Fotoquelle: Christine Weiland


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19. September 2019 | Von Redaktion

Corporate Learning Camp 2019: Lieber gemeinsam lernen

Das Motto – „Lernen braucht Netzwerke!“ – war Programm beim zehnten Corporate Learning Camp, #CLC19KO, das am 12. und 13. September 2019 in Koblenz stattfand: In den Räumen der dortigen Hochschule wurden Kollegen um Rat gebeten, Methodentipps geteilt, bewährte Tricks weitergereicht, gemeinsame Nenner entdeckt und neue Verbindungen geschaffen – und das alles unter dem Zeichen des gemeinsamen Weiterkommens.

Ein Beitrag von Sylvia Lipkowski

In einer Zeit, da Arbeiten immer mehr Zusammenarbeit sowohl in virtuellen wie auch physischen Räumen bedeutet, ist betriebliches Lernen ohne Netzwerken kaum noch denkbar, machte Moderator und Mitorganisator Karl-Heinz Pape in der Begrüßung deutlich: „In Netzwerken ist jeder mal Lehrender und mal Lernender“. Das aber ist nötig, um überhaupt Schritt halten zu können mit dem Übermaß an Input, Informationsquellen und Inspiration, mit dem wir es heute zu tun haben – und das keiner mehr alleine verarbeiten kann. Oder wie Harald Eder von der DATEV AG es formuliert: „Wenn Arbeiten VUKA wird, dann muss auch Lernen VUKA werden.“

Wie das praktisch aussehen kann, macht die veranstaltende Corporate Learning Community (CLC) nicht nur mit dem Camp in Koblenz vor. Der Netzwerkgedanke ist die prägende Leitidee für die ganze Community: Seit der Gründung vor über zehn Jahren wird hier Offenheit genauso konsequent gelebt wie Flexibilität und Selbstorganisation. Einstiegshürden gibt es keine, formale Strukturen kaum. Mitglied ist, wer sich als solches versteht und eben mitmacht, sei es als aktive Gestalterin oder als passiver Mitleser. Das einzige strukturelle Zugeständnis ist eine gemeinnützige UG, die ein harter Kern von sieben Leuten Anfang 2019 gründete, um wenigstens Rechnungen ausstellen zu können. Netzwerke nämlich sind in unserer Gesellschaft nicht rechtsfähig.

Attraktiv aber sind sie nichtsdestotrotz. Zwar kann angesichts der radikalen Offenheit keiner sagen, wie viele CLC-Mitglieder es genau gibt. Doch dass sie zahlreich sind, beweisen etwa aktive Gruppen in Yammer, Facebook, LinkedIn und XING. Aber auch die Tatsache, wie schnell das Camp ausgebucht war: Innerhalb von nur 28 Stunden waren die gut 200 Plätze weg. Letzteres mag zwar auch an dem unglaublich günstigen Ticketpreis liegen, der dadurch möglich ist, dass das Barcamp im bescheidenen Ambiente stattfindet und sich fast ausschließlich über die zahlreichen willigen Sponsoren finanziert. Doch sicher nicht nur.

Denn vor Ort kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Veranstaltung für die Anwesenden eine wertvolle Lerngelegenheit ist, die viele offenbar kaum erwarten können: Schon während der Anmoderation quetschen sich Anwesende aus den engen Bankreihen des Koblenzer Hörsaals in die Seitengänge, um sich für die Programmgestaltung möglichst gut zu positionieren.

„Das nennt man Lernen in Netzwerken: Die Teilgeber stehen schon Schlange, bevor sie dazu aufgerufen wurden“, meint Matthias Blank, Lernexperte bei Volkswagen. Dem klassischen Barcamp-Format entsprechend gibt es auf dem Coporate Learning Camp nämlich kein offizielles Programm, sondern nur zehn freie Räume und fünf Zeitfenster, die den Teilnehmerinnen und Teilnehmer für die selbstorganisierte Gestaltung zur Verfügung stehen.

Die 50 Slots sind – an beiden Camp-Tagen – im Nu belegt. Die thematische Bandbreite ist enorm: Es gibt PE´ler, die ihr neu konzipiertes Talentmanagement-Programm vorstellen, um den Rat der Kolleginnen und Kollegen einzuholen, aber auch welche, die erklären, wie sie selbst eine Mitarbeiterbefragung improvisiert haben oder wie sie mit Office 365 den internen Wissenstransfer fördern möchten.

Viele stellen auch Grundsatzfragen zur Diskussion mit Session-Titeln wie:
• Welche Grundsätze braucht eine Netzwerk-Lernkultur?
• Was sind eure Dos und Don´ts im Blended Learning?
• Was braucht Lernen, damit es gelingt?

Zudem gibt es auch viele konkrete Methoden-Tipps, z.B.
Twitter als Lern-Tool (wozu die Erklärvideo-Experten und Camp-Sponsoren youknow hier auch einen Film zur Verfügung gestellt haben)
• oder der kosten- und lizenzfrei nutzbare Methoden-Baukasten von Liberating Structures, mit denen sich Meetings, Teamtreffen, Großgruppenveranstaltungen bereichern lassen, indem sie Teilnehmer und Teilnehmerinnen zur Teilgabe einladen.

Weiteren Raum für Vernetzung und Horizonterweiterung bieten erstmals auch sogenannte „Assemblies“: Dort können sich Interessierte unabhängig vom Session-Takt zu einem bestimmten Thema auch mal länger austauschen, beispielsweise zum Selbstentwicklungsformat lernOS (das wir hier kürzlich vorgestellt haben) oder der Vision zur Zukunft des Corporate Learning, die seit 2017 im Netzwerks entwickelt wird (Link).

Das zentrale Thema, das sich in den meisten Assemblies wie Sessions wiederfindet, ist die Suche nach einer neuen Lernkultur. „Wir brauchen eine Liberalisierung des Lernens“, stellte etwa Pivi Scamperle von der Schaeffler AG fest. Weg von den klassischen PE-Angeboten, hin zu mehr Selbststeuerung und Eigeninitiative.

Doch leider – auch das war ein zentrales Thema der beiden Camp-Tage – lässt sich beides nicht so einfach ins Unternehmen tragen wie ein übersichtlicher Seminarkatalog. Die Idee, den Mitarbeitenden informelles Lernen zu erlauben, macht vielen dort geradezu Angst. „Der Kampf, den viele intern kämpfen, heißt ‚Mach sie fit, aber störe sie nicht bei der Arbeit‘.“, so das Resumé von Isabell Schuller von der Akademie der DGFP nach dem ersten Tag.

Den meisten Lernprofis ist deshalb klar: Die Veränderung von Lernen braucht einen langen Atem. „Aber es ist spürbar, dass etwas in Bewegung kommt – nicht zuletzt, weil die Technik die Dinge vorantreibt“, meint Scamperle und ist damit in Koblenz mit Sicherheit nicht allein. Insbesondere die Verbreitung der vernetzten Office-365-Anwendungen – die in vielen Sessions Thema war – verändert nicht nur die internen Abläufe, sondern fördert zum Beispiel auch das Teilen von Wissen und die Vernetzung mit Experten.

Und auch das gemeinsame Bearbeiten von Dokumenten – etwa mit Google-Docs – verstärkt die Zusammenarbeit. Konsequent im Sinne des Mottos gibt es ein solches Dokument deshalb auch für die gemeinsame Sammlung der Ergebnisse des #CLC19KO. Das ist wichtig für die Community, weil die individuellen Lernerlebnisse so auch anderen zugänglich werden, was die Vernetzung fördert, wie Veranstalter Pape betont. „Es ist aber auch wichtig für den eigenen Lernerfolg, denn Dokumentieren ist Lernen.“

Papes Traum, so verkündete er vor ab, ist, dass alle Teilgebenden zur Dokumentation der vielen Sessions und Gespräche beitragen: „Jeder auf seine Weise“. Bei dem Engagement, das in Koblenz zu spüren war, ist es nicht ausgeschlossen, dass dieser Traum sogar wahr wird. Ein Team von Freiwilligen, die den wilden Input aus Fotos, Videos, Links und Notizen zu einer lesbaren Dokumentation zusammenführen wollen, gibt es jedenfalls schon. Sie werden viel zu tun haben.

Foto 1 – Die Inputgeberinnen und Inputgeber warteten zahlreich und geduldig darauf ihre Sessionvorschläge vorzustellen.
Foto 2 – Die Vorschläge wurden auf die 50 Slots verteilt, die es an beiden Tagen gab.
Foto 3 – Der Assembly-Tisch, an dem Simon Dückert das Selbstlern-Tool lernOS vorstellt.

Fotos von Sylvia Lipkowski


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