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Das Blog


8. September 2020 | Von Redaktion

TrainCamp2020: Das Barcamp für Weiterbildungsprofis wird digital

Veranstaltungen sind in diesem Jahr nicht einfach zu planen. Sie immerzu ausfallen zu lassen oder auf den Tag x zu verschieben, ist aber auch keine Option. Darum wird das TrainCamp in diesem Jahr digital stattfinden. Denn ein Austauschformat für Trainer, Beraterinnen, Coachs und Co. sollte genau das sein: ein Experimentierfeld – auch für Online-Events.

Ein Beitrag von Nicole Bußmann & Marie Pein

Vieles ist anders in diesem Jahr – auch das Veranstaltungsbusiness. Wir können ein Lied davon singen. Auch unsere beiden Veranstaltungen – Petersberger Trainertage und Cube – Das Visu-Event – hat es erwischt. Bei den PTT, die Ende April hätten stattfinden sollen, blieb keine Wahl. Die Pandemie nahm gerade so richtig Fahrt auf, und jegliche Events waren untersagt. Unser Neuling Cube sollte dann im September Premiere feiern – doch auch ihn mussten wir absagen. Es waren schon zu viele Teilnehmende angemeldet (ein eigenartiger Satz aus der Feder eines Veranstalters ;-)), die angemieteten Räume waren nicht gut mit Abstand zu bestücken, das Risiko, vor allem Unzufriedenheit zu produzieren, erschien uns für die Premierenveranstaltung zu groß. Und nicht zu vergessen: auch das gesundheitliche Risiko.

Damit zwei abgesagte Veranstaltungen der traurige Höhepunkt bleiben, haben wir seit Wochen über das TrainCamp, das Barcamp für Weiterbildungsprofis, nachgedacht. Ursprünglich war angedacht, das Barcamp, wie auch in den zwei Jahren zuvor, in den modernen Design Offices in Köln stattfinden zu lassen. Doch so sehr wir die Location auch schätzen, es kamen immer mehr Zweifel auf: Wie sinnvoll ist es, eine weitere Präsenz-Veranstaltung in diesem Jahr zu planen? Noch dazu Ende November, wenn wir vielleicht mitten in der zweiten Welle oder einem winterlichen Pandemie-Hoch stecken?

Also vielleicht online? Wir wissen natürlich um die Bedeutung von „echten“ Begegnungen. Vor allem in unsicheren Zeiten, vor allem in Zeiten, in denen alle den größten Teil ihrer Zeit im Home Office sitzen und sich eine gewisse Zoom-Fatigue breit macht – brauchen wir nicht gerade dann das zwischenmenschliche Aufeinandertreffen?? Insbesondere bei einem Format wie dem TrainCamp, das auf kollegialen Austausch und Vernetzung ausgelegt ist…

Sicherlich kann man für beide Seiten gute Argumente finden. Wir haben uns für das Abenteuer „Online-Barcamp“ entschieden – die erste virtuelle Veranstaltung aus dem Hause managerSeminare. Am 27. November 2020 ist es daher soweit: Dann werden die virtuellen Türen des TrainCamps2020 geöffnet. Abgesehen vom Wechsel in den virtuellen Raum bleibt das Barcamp jedoch seiner Idee treu: Die Interessen, Fragen sowie der Diskussions- wie Austauschbedarf von Trainern, Beraterinnen, Coachs und Co. stehen im Mittelpunkt – weshalb die Teilnehmenden das Programm selbst bestimmen können.

Und Bedarf an Austausch sollte reichlich bestehen. Was in diesem Jahr beispielsweise diskutiert werden könnte: Wie geht es nach bzw. während der Corona-Krise weiter in der Weiterbildungsbranche? Wie können Trainings- und Coachinginhalte digitalisiert werden – und was sollten diese kosten? Welche digitalen Tools eignen sich für Trainings- oder Coaching-Zwecke besonders gut? Aber auch Themen ohne Corona-Bezug sind natürlich willkommen – beispielsweise zum Trainer-Marketing, zu Trendthemen wie Agilität und New Work. Den Ideen der Teilnehmenden sind keine Grenzen gesetzt – mit einer Ausnahme: Werbliche Inhalte sind nicht willkommen.

Wichtig ist uns, den selbstorganisierten Charakter der Veranstaltung beizubehalten. Und zwar ohne, dass Chaos ausbricht und die Veranstaltung trotz zwangsweiser Isolation vor dem eigenen Rechner zum Networking beiträgt. Viele Erfahrungsberichte mit ersten Online-Barcamps haben wir im Netz gelesen, viele Online-Konferenzen besucht, darunter auch Barcamps. Plattformen schauen wir uns an, Tools testen wir. Und aus allem versuchen wir zu lernen und das Beste rauszuziehen bzw. auszuwählen, damit das TrainCamp eine gelungene Veranstaltung wird. Und alle am Ende daraus lernen, wie denn ein Barcamp bestmöglich digital gestaltet werden kann.

Der aktuelle Stand unserer Überlegungen sieht so aus: Wie in den Vorjahren bitten wir darum, dass alle Teilnehmenden, die möchten, im Vorfeld des TrainCamps ihre Idee für eine Session einreichen. Anders als bei dem Offline-Format ist die Vorabeinreichung wichtig, wenn nicht gar zwingend. Denn damit bei der digitalen Premiere alles möglichst reibungslos abläuft und nicht zu viel Zeit für die Sessionplanung draufgeht, sollen alle Themenideen schon vorab auf den Sessionplan verteilt werden. Eine Abstimmung über die beliebtesten Sessions am TrainCamp-Tag entfällt. Beibehalten wird aber die Vorstellung der Sessions zu Beginn des Barcamps. Jeder Sessiongebende stellt seine Idee in wenigen Sätzen vor. Dann ist es den Teilnehmenden selbst überlassen, in welchem digitalen Sessionraum sie mitdiskutieren möchten. Neben den inhaltlichen Gesprächsrunden wird es auch bei der digitalen Variante viele Möglichkeiten und Gelegenheiten zum Netzwerken geben. Eine entsprechende Plattform testen wir gerade. Zu viel wollen wir vorab aber nicht verraten – also seid gespannt.

Wer genaueres wissen will, ist herzlich zu unserem Experiment eingeladen. Tickets für das TrainCamp2020 gibt es unter www.traincamp.online
– und bis zum 15. Oktober gilt der Frühbucherpreis!

Alle Infos im Überblick:

Was: TrainCamp – Das Barcamp der Weiterbildung
Wann: Freitag, 27. November 2020, 9:30 – 16:30 Uhr
Wo: Digital, virtuell, im Netz
Tickets: Early Bird bis zum 15. Oktober: 79,90 EUR für Abonnentinnen und Seminarmarktkunden, 99,90 EUR für alle, die weder das eine noch das andere sind. Ab dem 15. Oktober: 99,90 EUR für Abonnenten und Seminarmarktkunden, 119,90 EUR für alle anderen.
Hashtag: #TrainCamp2020
Link: www.traincamp.online


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4. September 2020 | Von Redaktion

Extraheft: Coaching als Enabler für die VUKA-Welt

Kollektiver Umzug ins Homeoffice, von heute auf morgen obsolete Planzahlen, ein plötzlicher Digitalisierungsschub, neue Geschäftschancen, sporadische Rückkehr ins Büro unter besonderen Bedingungen … Die VUKA-Welt ist seit einem halben Jahr in einer Dimension live zu erleben, die bis dato unvorstellbar war. In dieser unberechenbaren Welt zu agieren ist für Führungskräfte wie für Unternehmen als Ganzes extrem anspruchsvoll. Coaching kann ihnen dabei wichtige Unterstützung bieten. Wie genau, lesen Sie im aktuellen Extraheft von managerSeminare.

Ein Beitrag von Andree Martens

Dass Coaching die Fahrt durch VUKA erheblich erleichtern kann, ist weder Werbung noch Wunschvorstellung, sondern Untersuchungsergebnis. Der Organisationsentwickler Axel Klimek hat in einer gemeinsamen Studie mit der Hochschule Darmstadt herausgefunden: VUKA-Fitness und Coaching-Kultur gehen Hand in Hand. Wie sich eine intensive Nutzung von Coaching in Organisationen konkret auswirkt und bei der Bewältigung welcher VUKA-Herausforderungen Coaching wie am meisten hilft, schildert Studienleiter Klimek im Interview.

Ein zentrales Element einer Coaching-Kultur ist ein Pool externer Coachs, aus dem Unternehmen bedarfsgerecht schöpfen. Wie gelingt der Aufbau eines solchen Coach Pools? Worauf ist bei der Pool-Pflege zu achten? Und wie lässt sich sicherstellen, dass der Coach Pool sowohl für die einzelnen Organisationsmitglieder als auch die Organisation insgesamt den bestmöglichen Nutzen stiftet? Die Antworten liefert Coach und ICF-Vorstand Richard Grillenbeck in seinem Beitrag Anleitung zum Pool-Bau.

Ein anderes Kernelement einer Coaching-Kultur nimmt Karin von Schumann in den Blick: das (regelmäßige) Hineinschlüpfen der Führungskraft in die Rolle eines Coachs. Mitarbeitercoaching funktioniert auch über Distanz, wie die Beraterin in ihrem Artikel darlegt, ist im Remote Modus aber noch anspruchsvoller als ohnehin.

Zum Thema Coaching über Distanz gibt es noch mehr in diesem Extraheft – etwa eine Übersicht über verschiedene Online-Coaching-Formate, geliefert von der Coaching- und Digital-Expertin Sandra Dundler. Denn auch Coaching hat durch die Corona-Krise einen deutlichen Digitalisierungsschub erfahren. Vielleicht kommt ein deutlicher Bedeutungsschub hinzu – und in der Folge eine Erhöhung der VUKA-Fitness der Firmen.

Das Extraheft liefert in insgesamt sechs Fachbeiträgen Coachingwissen für Führungskräfte und Personaler. Erschienen ist es als Heft im Heft in managerSeminare. Hauptheft samt Extraheft können hier in Form eines einmonatigen Probeabos bestellt werden.

Viel Spaß beim Lesen! Und bleiben Sie gesund.


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10. Juli 2020 | Von Redaktion

Thronspiele und was man von ihnen lernen kann (Spoiler: eigentlich alles)

Schon wieder einer! Gut ein Jahr nach ihrem Abschluss landet nun der dritte Ratgeber, der das schillernde Personal der HBO-Serie Game of Thrones für Führungsvergleiche nutzt, auf unseren Schreibtischen. Langweilig? Überhaupt nicht! Denn jedes Buch liefert andere Erkenntnisse und entdeckt sehr unterschiedliche – und bisweilen recht überraschende – Führungsvorbilder.

Ein Beitrag von Sarah Lambers und Sylvia Lipkowski

Führungslehren kann man überall finden. Das beweisen Neuerscheinungen immer wieder: Sie finden sinnvolle Handreichungen für Managerinnen und Manager in Märchen ebenso wie in Tier-Metaphern oder Superhelden-Storys. Als besonders ergiebig in dieser Hinsicht erweist sich dabei derzeit die Serie Game of Thrones.

Der neueste Versuch, aus den Intrigen um den Thron des phantastischen Kontinents Westeros wertvolle Erkenntnisse für Führungskräfte zu gewinnen heißt „Leadership in Game of Thrones“ und stammt von Brigitte Biehl, Professorin für Media and Communication Management an der SRH Berlin University of Applied Sciences, School of Popular Arts (ehemals SRH Hochschule der populären Künste) in Berlin, wo sie auch das Institut für Weiterbildung (IWK) leitet.

Die Autorin argumentiert, dass sich der Blick auf die Protagonisten in mittelalterlich anmutender Kampfmontur vor allem deshalb lohnt, weil diese Protagonisten ähnliche Sorgen umtreiben wie Menschen in der modernen Arbeitswelt: Sie sollen, wollen oder müssen Führung übernehmen in einer Welt, in der sich ständig neue, unerwartete Herausforderungen auftun – einer Welt, die geprägt ist von Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Ambiguität (kurz: VUKA). Und sie stellen – genauso wie wir „normalen“ Menschen – in schöner Regelmäßigkeit fest, wie leicht es ist, an dieser Herausforderung zu scheitern.

Das tun sie vor allem dann, wenn sie sich an der Art von Führung versuchen, wie sie jahrzehntelang propagiert wurde: durch einen starken, meist männlichen Helden und allwissenden Herrscher. Denn, so argumentiert Autorin Biehl, Führung kommt unter VUKA-Bedingungen gar nicht mehr einer bestimmten Person zu, sondern ist vielmehr ein sozialer Prozess, der von Leadern und Followern ko-kreiert wird. Menschliche Interaktion und soziale Ordnung werden dabei ständig neu verhandelt.

Leadership wird somit zur Beziehungssache – auch in Game of Thrones: Zwar streben alle Führungspersonen nach dem Eisernen Thron, wirklich lange auf ihm halten, kann sich jedoch niemand. Übrigens ebenso wenig wie auf den machtvollen Nebenpositionen. So wechseln nicht nur Könige und Königinnen, sondern auch Berater und Einflüsterer alle naslang. Die Serie führt somit fast plastisch vor Augen, dass das Bedürfnis nach dem einen geeigneten „Anführer“ zwar vorhanden ist, aber niemals befriedigt werden kann, weil es ihn (oder sie) nicht gibt.

Die Serie konstruiert also fortlaufend Leader, um diese nach und nach wieder zu demontieren – zumindest sofern sie menschlich sind. Eine einzige Figur gibt es nämlich doch, die das archaische Führungsprinzip des einen starken Anführers verkörpert und deren Führung ohne jeglichen Widerspruch funktioniert – und zwar die gesamte Serie hindurch: Der Nachtkönig, der seelenlose Leader einer Gemeinschaft von Untoten, behält sein Zepter bis er vollständig vernichtet ist: „Kein Widerspruch, kein Infragestellen, kein Zweifel, keine Worte, keine Gedanken, keine Gefühle, keine Sinngebung, keine Strategie-Meetings, keine Motivationsdurchhänger – diese Führungsrolle ist eine überzeichnete Karikatur, eine tote Leerstelle, die von vorneherein nicht als ernsthafte Alternative wahrgenommen wird“, schreibt Biehl.

Oder vielleicht doch? Schließlich ist der Nachtkönig eine machtvolle Figur und „Macht bedeutet, andere Menschen in ihrem Denken und Handeln beeinflussen zu können“ – sprich: zu führen. Dieser Ansicht sind die Berater Mark Hübner-Weinhold und Manfred Klapproth. In ihrem im Herbst 2019 erschienenen Buch „Leadership by Game of Thrones – Wirksamer führen mit den Helden von Westeros“ zeigen sie, wie diese Machtausübung den einzelnen Figuren mal besser, mal schlechter gelingt.

Dabei wird schnell deutlich: Als einen sozialen Prozess verstehen Hübner-Weinhold und Klapproth Führung nicht – weder in Game of Thrones noch in der realen Welt. „Wir denken in Bezug auf den Sinn und Bedarf von Führung radikal anders als die Anhänger von führungsloser Selbstorganisation. Wir sind davon überzeugt, dass in einer VUKA-Welt mehr Führung erforderlich ist als je zuvor. Mehr allein reicht allerdings nicht: Wirksamer muss Führung sein“.

Wirksam ist Führung den Autoren zufolge, wenn sie 14 Kernelemente – darunter: Vertrauen, Selbstführung, Klarheit – enthält. Doch welcher der GoT-Helden ist denn dann der wirksamste Anführer? Erstaunlicherweise weder Sympathieträger Jon noch Alpha-Frau Daenerys noch eine der anderen Hauptfiguren, sondern jemand, der gar nicht so häufig auftaucht: Es ist Manke Rayder, der König jenseits der Mauer, der laut Hübner-Weinhold und Klapproth alle 14 Führungselemente in einer Person vereint:

– Er hat eine klare Vision der tödlichen Bedrohung für das freie Volk durch die Weißen Wanderer und den endlosen Winter und entwickelt deshalb seine Mission, das Freie Volk nach Süden hinter die Mauer zu führen.
– Um das zu erreichen, verfolgt er das Ziel, die zerstrittenen 90 Stämme jenseits der Mauer zu vereinen, mit aller Konsequenz und Flexibilität.
– Er übernimmt diese schwierige Aufgabe aus Verantwortung für sein Volk.
– Er folgt klaren Werten, würde niemals das Knie vor jemand anderem beugen, ist rechtschaffen und aufrichtig – deshalb bekommt er seine Macht durch das Vertrauen der Wildlinge.
– Er organisiert die Zusammenarbeit der diversen Stämme und sorgt für eine zuvor nicht vorhandene Entwicklung in dieser tribalen Organisation.
– Er ist ein Vorbild an Selbstführung und verfügt über anerkannte Kompetenz.
– Seine Kommunikation und sein Handeln sind stets von völliger Klarheit geprägt.
– Seine Konfliktfähigkeit wird durch den Angriff auf die Mauer deutlich.

Zum ersehnten Erfolg verhelfen dem Wildlingsanführer diese Kompetenzen allerdings nicht: Er wird von Jon Schnee besiegt und findet einen so brutalen Tod wie er typisch ist für die Serie um das Thronspiel auf Westeros.

Noch blutiger verabschiedet sich (sehr früh) der Hoffnungsträger Robb Stark, der als König des Nordens ambitioniert in eine Führungskarriere startete, und im dritten und ältesten Ratgeber prominent abgehandelt wird. In „Game of Thrones on Business“ steht der erfolglose junge König für die Autoren Tim Phillips und Rebecca Clare dafür, wie man mit Widerspruch von potenziellen Partnern besser nicht umgehen sollte. Das Massaker, dem er nebst einigen andern zum Opfer fällt, hat er interessanterweise – Achtung: Leadership-Lektion! – selbst durch Führungsfehler vorbereitet: Er hat einen Deal mit dem einen der beiden Verräter, die das Blutbad geplant haben, gebrochen und es dem anderen Verräter gegenüber an Anerkennung mangeln lassen. So, so.

Neben dieser Erkenntnis sind noch 29 weitere unterhaltsame „Lehren für Strategie, Ethik und Führung“ in dem Buch zusammengestellt, das wohl als das erste seiner Art gelten darf und schon 2015 auf englisch erschienen ist. Von Daenerys Targaryen, einer der letzten Überlebenden des ehemaligen Herrschergeschlechts, beispielsweise können Führungskräfte den dienenden Führungsstil (Servant Leadership) lernen, meinen die Autoren – die allerdings noch nicht das Ende der Drachenkönigin kannten, als sie ihre Führungslektionen in der Sendepause zwischen der fünften und sechsten Staffel der Serie veröffentlichten. Denn letztlich scheitert natürlich auch sie, die vielen Fans lange als natürlichste Lösung für die eiserne Thronfrage galt.

Wie haltbar und streitbar die Führungslehren also letztlich auch sein mögen – in Stein gemeißelte Weisheiten sind sie mit Sicherheit nicht (auch wenn dies so gut zum mittelalterlichen Ambiente der Serie passen würde). Damit aber wären wir wieder bei Biehl und der Unsicherheit und Vieldeutigkeit von Westeros wie der VUKA-Welt: Machtverhältnisse, Sympathiewerte und Kenntnisstände ändern sich nicht nur ständig – sie werden häufig auch sehr subjektiv wahrgenommen. Den Playern in beiden Welten bleibt demnach nichts anderes übrig, als die angebotenen Informationen ständig zu hinterfragen.

Das ist auch mit Blick auf die drei Führungsratgeber geboten, denn letztlich zeigen sie vor allem eins ganz deutlich: Die Lehre liegt im Auge der Betrachtenden. Hier finden alle die Erkenntnisse, die sie gerade suchen. Für Fans mit GoT-Entzug lohnen sich die verschiedenen Lektüren wahrscheinlich dennoch, beweisen sie doch einmal mehr, dass sich aus fast jeder guten Geschichte wichtige Lektionen für Leader ableiten lassen – sogar aus Tolstois Anna Karenina. (Artikeltipp: Literarisches Lernen: Seitenweise Selbstcoaching). Und gehaltvoller als Kuscheldecken mit den Wappen der beteiligten Ahnenhäuser oder „Dinner-is-Coming“-Kochlöffel sind sie allemal.


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7. Juli 2020 | Von Nicole Bußmann

Begriff Webinar geschützt: Was Weiterbildner tun können

„Begriff Webinar als Marke geschützt“. Seit einigen Tagen kursiert die Meldung im Netz und versetzt Weiterbildner in Aufruhr. Denn durch Corona und die geforderten Abstandregelungen sowie das Verbot größerer Veranstaltungen boomen virtuell veranstaltete Trainings wie Webinare. managerSeminare hat daher bei Markenrechtler Rolf Becker nachgefragt: Was bedeutet der Markenschutz? Und wie geht man am besten vor, wenn man Webinare weiterhin veranstalten will?

Aktuell kursiert in der Weiterbildungsbranche die Meldung, dass der Begriff „Webinar“ als Marke geschützt ist. Was ist dran an dieser Meldung?

Rolf Becker: Überall im Netz wird diese Meldung aufgegriffen. Sogar der Zentralverband des Deutschen Handwerks hat ein Rundschreiben verfasst, die Brandenburgische Landeszentrale für politische Bildung warnt, in der Weiterbildungsbranche hat der Bundesverband für Training, Beratung und Coaching (BDVT) informiert. Und ja: Tatsächlich ist der Begriff „Webinar“ als Marke geschützt, u.a. für die „Veranstaltung und Durchführung von Seminaren“, was ja unter Weiterbildnern aktuell für Furore sorgt.

Wie das? Der Begriff klingt so allgemeingebräuchlich…

Nach dem Markengesetz sind zwar solche Zeichen von der Eintragung in das Markenregister ausgeschlossen, „die ausschließlich aus Zeichen oder Angaben bestehen, die im allgemeinen Sprachgebrauch oder in den redlichen oder ständigen Verkehrsgepflogenheiten zur Bezeichnung der Waren oder Dienstleistungen üblich geworden sind“. Daran werden strenge Anforderungen gestellt. So ist die Aufnahme eines Begriffs in ein Lexikon (was beim „Webinar“ der Fall ist) nur ein Indiz für das Vorliegen einer üblich gewordenen Bezeichnung. Allerdings stellt sich die Frage, ob die Bezeichnung „Webinar“ im Jahr 2003, als die Marke angemeldet wurde, schon so populär war wie heute. Eingetragene Marken bleiben zwar grundsätzlich rechtlich geschützt. Allerdings kann sich eine Marke nach ihrer Eintragung im Laufe der Zeit eben zu einem – nicht unterscheidungskräftigen – Gattungsbegriff entwickeln.

Wie kommt es denn jetzt zu Abmahnungen, wenn die Marke schon so alt ist?

Das kann u.a. damit zusammenhängen, dass aktuell, in Zeiten von Corona, vermehrt Webinare veranstaltet werden und der Begriff daher zurzeit besonders häufig benutzt wird. Möglicherweise ist der Markeninhaber jetzt auf die Idee gekommen, Abmahnungen auszusprechen. Mir sind allerdings solche Abmahnungen nicht bekannt. Auch eine Umfrage unter seriösen Kollegen ergab keinen einzigen Treffer. Im Netz gibt es zwar Berichte, dass Abmahnungen ausgesprochen worden sein sollen. Das könnte aber auch Marketing sein, vergleichbar mit den Berichten zu angeblichen Abmahnungen bei privat hergestellten Corona-Masken. Das stellte sich auch als Marketing heraus von Anwälten, die auf ihre Abwehrtätigkeit aufmerksam machen wollten. Wenn jemand wirklich eine Abmahnung erhalten hat, kann er die gerne (auch mit geschwärztem Namen) an mich oder die Redaktion senden.

Wer steckt denn eigentlich hinter der Marke?

Ursprünglich wurde die Marke im Jahr 2003 als Wortmarke beim Deutschen Patent- und Markenamt (DPMA) durch die Mandatum Beteiligungsgesellschaft mbH (heute: MANDATUM SMPS GmbH) angemeldet. Sie wurde dann mehrfach auf andere Inhaber übertragen, zuletzt am 31.05.2019 auf den derzeitigen Markeninhaber Mark Keller, der seinen Sitz in Kuala Lumpur, Malaysia, hat.

Und was kann man jetzt tun?

Man hätte grundsätzlich einen Löschungsantrag wegen absoluter Schutzhindernisse stellen können. Es ist jedermanns Recht, einen Löschungsantrag für eine Marke beim Deutschen Patent- und Markenamt zu stellen – etwa wie bei der umstrittenen Marke „Black Friday“, zu dieser liegen nach Berichten wohl schon 15 Lösungsanträge vor. Ein Antrag auf Löschung wegen absoluter Schutzhindernisse hätte bei der Marke „Webinar“ nach meiner Ansicht auch erfolgreich sein können. Allerdings muss ein solcher Antrag innerhalb von 10 Jahren nach der Eintragung der Marke gestellt werden. Die Frist ist daher im vorliegenden Fall bereits 2013 abgelaufen.

Aktuell gibt es aber noch die Möglichkeit, einen Löschungsantrag wegen Verfalls der Marke gem. § 49 Abs. 2 Nr. 1 MarkenG zu stellen. Ein Antrag hat Aussicht auf Erfolg, wenn die Marke „zur gebräuchlichen Bezeichnung der Waren oder Dienstleistungen, für die sie eingetragen ist“ geworden ist. Zudem müsste dies „infolge des Verhaltens oder der Untätigkeit“ des Markeninhaber geschehen sein. Jedenfalls nach unserem aktuellen Wissensstand ist der Markeninhaber nicht gegen die Entwicklung als Gattungsbegriff vorgegangen. Zudem könnte man im Fall einer Abmahnung die Einrede der Nichtbenutzung erheben. Denn der Markeninhaber muss die eingetragene Marke auch tatsächlich benutzen. Kann er die Benutzung nicht nachweisen, stehen ihm Ansprüche auf Unterlassung, Schadensersatz etc. nicht zu.

Also sollten alle, denen der Begriff am Herzen liegt, einen solchen Antrag stellen? Oder ist es egal, wie viele Unternehmen/Personen sich melden? Mit welchen Kosten muss man rechnen?

Grundsätzlich genügt schon ein einziger erfolgreicher Löschungsantrag, um die Löschung der Marke zu erreichen. Natürlich schadet es aber nicht, wenn mehrere Anträge mit dem gleichen Ziel gestellt werden, aber das Geld kann man sich auch sparen. Ich weiß definitiv von Kollegen, die schon vorsorglich einen Antrag gestellt haben. Insgesamt liegen bislang drei Verfallsanträge vor und ein Antrag, der sich auf Nichtigkeit wegen absoluter Schutzhindernisse stützt. Für die Stellung eines Antrags auf Verfallserklärung entstehen beim DPMA Kosten i.H.v. 100 Euro. Die Bearbeitung des Antrags erfolgt erst, wenn die Gebühr vollständig bezahlt wurde. Erfolgt ein Widerspruch gegen den Verfallsantrag und will der Antragsteller das Verfahren fortsetzen, muss eine Gebühr i.H.v. 300 Euro zur Weiterverfolgung des Verfallsverfahrens gezahlt werden. Hinzu können jeweils noch Rechtsanwaltskosten kommen, die von der jeweiligen Vergütungsvereinbarung abhängen.

Was raten Sie Weiterbildungsakademien und Trainern, die den Begriff aktuell nutzen?

Generell meine ich nach derzeitigem Sachstand, dass Angriffe des Markeninhabers gestützt auf die Marke nur sehr geringe Erfolgsaussichten haben. Trainer, die sich hier nicht irritieren lassen wollen, nutzen den Begriff weiter, können aber darauf achten, dass der Begriff beschreibend verwendet wird. Man veranstaltet also „ein“ Webinar oder „unser Webinar“ mit der Bezeichnung (Beispiel) „Die Fahrt zum Mond“ und nicht eine Veranstaltung mit der Bezeichnung „Webinar 2020“. Der Begriff sollte also möglichst nicht als Name für die Veranstaltung genutzt werden. Einen Disclaimer oder Ähnliches würde ich nicht nutzen, da man daraus auf einen Vorsatz bezüglich einer etwaigen Rechtsverletzung schließen könnte. Wer das verbleibende Restrisiko scheut, der verwendet statt Webinar einfach den Begriff „Web-Seminar“. Der ist nicht geschützt.

Der Interviewte:
Rolf Becker (Foto) betreibt die Sozietät Wienke & Becker – Köln. Er ist seit mehr als 25 Jahren als Rechtsanwalt zugelassen, einer seiner Tätigkeitsbereiche ist das Markenrecht. Kontakt: www.kanzlei-wbk.de

*****

Nachtrag:
Kurz nach Veröffentlichung des Interviews kursierte im Netz die Meldung, dass der Markeninhaber keine Abmahnungen vorgenommen hat und auch nicht vorhat, dieses zu tun. Auf Nachfrage bei der ihn vertretenden Anwaltskanzlei LEGISPRO in Frankfurt, haben wir folgende Stellungnahme erhalten:

Offizielle Stellungnahme von Mark Keller, Inhaber und Lizenzgeber der deutschen Marke WEBINAR®, vom 6.7.2020:

WEBINAR® ist nicht gleich „Webinar“

Der Begriff „Webinar“ wird im alltäglichen Sprachgebrauch oft als Gattungsbegriff für Online-Seminare aller Art und für Dienste von verschiedenen Anbietern verwendet. Die seit dem Jahr 2003 beim Deutschen Patent- und Markenamt eingetragene deutsche Marke „WEBINAR®“ ist eine Qualitätsbezeichnung für Online-Seminare sowie weitere Dienste und wird seit vielen Jahren zur Kennzeichnung von Veranstaltungen, Online-Seminaren und weiteren Projekten benutzt.

Die Markenbezeichnung WEBINAR® ist keinesfalls gleichbedeutend mit dem Begriff „Webinar“ oder sonstigen begrifflichen Abwandlungen. Im Verkehr ist der Unterschied zwischen der Marke WEBINAR® und dem Begriff „Webinar“ regelmäßig an dem Markenhinweis durch die Beifügung des ®-Symbols zu erkennen. Unseren Lizenznehmern und mir als Markeninhaber ist es besonders wichtig, dass dieser Unterschied zur Kenntnis genommen wird und allgemein bekannt ist.

Mit der zunehmenden Bekanntheit geht es der Marke WEBINAR® ähnlich, wie den bekannten Marken Tempo® (Papiertaschentücher), PLEXIGLAS® (Acrylgläser), UHU® (Klebstoffe), tesa® (Klebefilme) und viele mehr. WEBINAR® ist seit vielen Jahren ein Markenprodukt, das für ganz bestimmte Dienste des Markeninhabers und dessen Lizenznehmern steht. Es handelt sich dabei insbesondere um Dienste im Zusammenhang mit der Vermittlung von Wissen und Bildung durch Online-Seminare, welche bestimmten Qualitätsvorgaben entsprechen. (…)

Als Inhaber der Marke WEBINAR® suche ich das Miteinander, nicht das Gegeneinander. Es ist mir und meinen Lizenznehmern überaus wichtig, mit der Marke WEBINAR® friedlich, seriös und freundlich im Verkehr aufzutreten. Wir setzen daher in jedem Fall auf Aufklärung, nicht auf Abmahnung. Die Aufklärung und Veröffentlichung von Informationen über die Marke WEBINAR® in Lexika, Zeitschriften, Büchern, Blogs (z.B. Wikipedia, Duden und Weitere) gehört seit vielen Jahren zu den wichtigsten Maßnahmen zur Markenpflege.

Lassen Sie sich daher nicht von Gerüchten im Internet über etwaige kostenpflichtige Abmahnungen verunsichern, welche nicht von mir als Markeninhaber, meinen Unternehmungen, Lizenznehmern oder rechtlichen Vertretern veranlasst wurden oder werden.

Sollten Sie dennoch eine Abmahnung im Zusammenhang mit „Webinar“ erhalten oder Ihnen ein Fall bekannt werden, in dem jemand abgemahnt wurde, so stammt eine solche Abmahnung nicht vom Markeninhaber oder dessen Umfeld, sondern offenbar aus zweifelhaften Quellen mit kriminellem Hintergrund. Wenn uns ein solcher Fall bekannt werden sollte, bei dem in unserem Namen Abmahnungen ausgesprochen werden, wodurch der Ruf der Marke WEBINAR® beeinträchtigt werden könnte, müssen und werden wir rechtlich dagegen vorgehen. Dies gilt auch für den Fall, wenn gezielt falsche Information über die Marke WEBINAR® oder den Inhaber der Marke im Internet verbreitet werden (z.B. unwahre Behauptungen über Abmahnungen, die tatsächlich nicht erfolgt sind). Schließlich ist mir und meinen Lizenznehmern der Ruf und das Image der Marke WEBINAR® ganz besonders wichtig, was auch weiterhin so bleiben soll. Dazu gehört natürlich auch, dass niemand Beeinträchtigungen oder rechtliche Folgen bei seinen Aktivitäten im Zusammenhang mit Online-Seminaren befürchten und erfahren muss, wie auch immer diese im bevorzugten Sprachgebrauch von jedem Einzelnen bezeichnet werden. Seien Sie also unbesorgt, wenn Sie den Begriff „Webinar“ oder diesen in abgewandelter Form weiterhin benutzen.

Verwenden Sie jedoch die Markenbezeichnung WEBINAR® (entsprechend gekennzeichnet durch das ®-Symbol) bitte nur dann, wenn Sie für diese Verwendungsform eine Markenlizenz besitzen.


Kuala Lumpur, 06.07.2020
gez. Mark Keller

*****

Die Einschätzung des hier befragten Markenrechtlers Rolf Becker lautet:

Rolf Becker: Damit dürfte auch eine geringe Restgefahr nach meiner Einschätzung beseitigt sein. Der Markeninhaber mag sich zwar noch einmal umentscheiden können, aber er hat die Marke mit dieser Erklärung faktisch preisgegeben.

*****


Kommentare (3) | Kategorie: Lernen & Lehren, Markt & Meinung

13. Mai 2020 | Von Nicole Bußmann

Arschbombe und Räuberleiter: Der schwedische Sonderweg bei Corona

Über Schweden wird in Deutschland zum Topic Corona heiß diskutiert: Die einen loben die wenig restriktiven Einschränkungen der Freiheit, die anderen führen die Todeszahlen an und verteufeln den nordischen Weg. Glücksexpertin Maike van den Boom lebt in Schweden und berichtet, wie sie die Situation wahrnimmt.

Maike, du lebst als Deutsche in Schweden. Wie erlebst du dort die Corona-Krise?

Maike van den Boom: Für mich persönlich sind die Einschnitte im täglichen Leben nicht gravierend. Gut, da ich mein Geld als Rednerin in Deutschland verdiene, haben sich meine Einnahmen drastisch reduziert. Ansonsten geht meine Tochter jeden Tag zur Schule, und ich bin als Selbstständige Home-Office eh gewöhnt. Im Café am Wasser arbeite ich immer noch gerne, bei „Enrico“ gegenüber trinke ich gelegentlich ein Glas Wein, und Einkaufsbummel sind hier auch noch möglich. Trotzdem: Die Straßen sind leerer, im Restaurant kommt nicht wirklich Stimmung auf bei nur zwei besetzten Tischen, und in der Shoppingmall herumzutingeln, wenn gefühlt 20 Prozent der Läden schon pleite sind, ist frustrierend.

Schweden beschreitet mit dem Kampf gegen Corona ja einen Sonderweg, auf den hierzulande teils neidisch, teils kritisch geguckt wird …

Der Unterschied zu anderen Ländern ist, dass der Staat seine Bürger in die Lage versetzt, durch ihr eigenes Verhalten den Verlauf der Krise zu beeinflussen. Anstatt mit Regeln zu arbeiten, ermahnen die schwedischen Experten das schwedische Volk, sich an die Empfehlungen zu halten, die ja auch in Deutschland gelten: wie etwa Händewaschen, Abstand halten, bei kleinsten Anzeichen das Haus nicht mehr zu verlassen … Das waren die Regeln von Anfang an, und die bleiben auf unbegrenzte Zeit bestehen. Das schafft eine gewisse Normalität und Klarheit trotz abnormaler Umstände. Es herrscht darüber hinaus ein sehr hohes Vertrauensniveau in der Gesellschaft, von der auch die Regierung ein Teil ist: Jeder erwartet vom anderen, dass der sich zum Besten aller verhalten wird. So wird die tägliche Pressekonferenz der schwedischen Behörden durch diese zwei Sätze geprägt: „Seid selbstkritisch! Seid ein Teil der Lösung!“

Funktioniert dieser Weg aus deiner Sicht?

Wie alle Länder will Schweden dafür sorgen, dass die Kapazitäten des Gesundheitssystems nicht überschritten werden. Das ist bisher gut gelungen. Man hat versucht, die Menschen in den Pflegeheimen zu schützen. Dies ist, wie in vielen anderen Ländern, nicht gelungen und macht uns alle sehr betroffen. Über die Hälfte der Toten in Schweden starben in Pflegeheimen und bei häuslicher Pflege. Mit dem disziplinierten Verhalten der Menschen im täglichen Leben hat dies jedoch wenig zu tun.

In Deutschland wird argumentiert, dass der Swedish Way hier nicht funktionieren würde, unter anderem, weil die Bevölkerungsdichte nicht vergleichbar sei. Ist das aus deiner Sicht tatsächlich der Grund?

Die Bevölkerungsdichte ist nur ein Faktor von vielen, die sich gegenseitig bedingen. Ich denke, die Herausforderung für andere Länder wäre es, Menschen zuzutrauen, sich verantwortungsvoll und vernünftig zu benehmen. Und dann loszulassen, nicht zu kontrollieren und zu sanktionieren. Immer wieder nur zu empfehlen. In Schweden tut man das, und es macht die Menschen hier sehr stolz, loyal und positiv gestimmt. Und das ist eine normale menschliche Reaktion, denn wann immer uns vertraut wird, wachsen wir, übernehmen Verantwortung und wollen uns des Vertrauens auch würdig erweisen. Vertrauen schenkt Menschen positive Energie. Zu strenge und nicht nachvollziehbare Regeln reduzieren das Engagement und bergen die Gefahr des Widerstandes in sich.

Wäre aus deiner Sicht der schwedische Weg auch für Deutschland denkbar gewesen?

Wir werden nie wissen, ob the Swedish Way auch in Deutschland funktionieren würde, weil den Menschen in Deutschland schon vorher vorsichtshalber die Souveränität entzogen wurde. All diese erwachsenen und heranwachsenden Bürger hatten also gar keine Chance, sich zu beweisen. Das ist traurig. Dennoch ist es vielleicht auch sinnvoll, das nicht gerade während der Krise auszuprobieren. Ein solches Verhalten muss über Jahre wachsen.

Was sind aus Deiner Sicht die Besonderheiten, die den Schweden einen weniger restriktiven Umgang mit der eigenen Freiheit ermöglichen?

Es besteht ein tief verwurzelter kultureller Unterschied in der Mentalität der Schweden und der Deutschen. „Frihet under ansvar“, Freiheit unter Verantwortung, wird hier bereits in die Kinderseelen reingeschrieben. Es fehlt in Schweden die Autorität einer Person, die knallhart bestimmt. Ein Beispiel, das das verdeutlicht: Wir hatten vergangenen Herbst Besuch einer Freundin meiner Tochter Elisa aus der 8. Klasse eines Bonner Gymnasiums. Da wir hier keine Ferien hatten, hatte sie Elisa einen Tag in ihre schwedische Grundschule (1. bis 10. Klasse) begleitet. Ihr Urteil: „Ej voll doof, warum habt ihr denn einen Lehrer, wenn der euch nicht erzählt, was ihr machen sollt?“ Und das ist der Unterschied. Sowohl in der Schule als auch im späteren Leben lernst du in Schweden, früh Verantwortung zu übernehmen. Das ist der Kern des nordischen Bildungssystems, nicht pure Leistung erbringen zu müssen, sondern selber einen Beitrag leisten zu wollen. Über „Empowerment“ lernst du, dass du nicht hilflos bist, sondern „ein Teil der Lösung“.

Was ist deiner Meinung nach zentral, um Selbstverantwortung leben zu können?

Kurz gesprochen: Arschbombe machen. Räuberleiter geben. Der Wille, selbst Verantwortung zu übernehmen und zu erkennen, dass dies möglich ist. Es wäre ein guter Anfang, gedanklich jedes „Aber“ zu streichen, das uns davon abhält, Dinge einfach mal zu machen. Dann holt man sich ein paar blaue Flecken, aber auch eine Menge Schulterklopfen. Vor allem holt man sich das selbst(verantwortlich). „Erst ausprobieren, dann kritisieren“, „erst anfangen, dann verbessern“. Diese Sprüche sind typisch nordisch. Das ist die Arschbombe. Die reicht allerdings nicht. Denn „frihet under ansvar“ bedeutet nicht, nur für sich allein die Verantwortung zu übernehmen. Wir leben als Menschen immer im Kontext mit anderen, dem Team, der Familie, der Gesellschaft. Verantwortung für sich selbst zu übernehmen, bedeutet auch immer, Verantwortung für andere zu übernehmen. Das ist the Swedish Way, sich auch um das Wohl des anderen zu kümmern, Räuberleitern zu geben.
***

Die Interviewte:
Maike van den Boom ist Deutsche, lebt aber seit zwei Jahren in Schweden. Sie ist Business-Glücksexpertin und hat mehrere Bücher geschrieben. Zudem berät sie Unternehmen in Sachen glückliche Mitarbeiter und tritt als Rednerin auf. Zu dem Umgang der Schweden mit Corona hat sie bereits in ihrem Blog geschrieben.


Kommentare (2) | Kategorie: Lernen & Lehren, Management & Führung

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