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'Manager sollten improvisieren lernen'

August-Wilhelm Scheer über Jazz und Management

Jazzmusik ist harmonisch, obwohl die Bandmitglieder spontan während der Aufführung improvisieren. Ein vorzügliches Modell für modernes Management in turbulenten Zeiten, meint der Wirtschaftsinformatiker und passionierte Jazz-Saxofonist August-Wilhelm Scheer. managerSeminare hat Scheer anlässlich seiner jüngsten Veröffentlichung ('Jazz-Improvisation und Management', www.ids-scheer.de) zum Thema gefragt, was Manager von Jazzmusikern lernen können.

Herr Professor Scheer, wieso lohnt es für Manager, sich näher mit Jazzmusik zu beschäftigen?

August-Wilhelm Scheer: Interessant für Führungskräfte ist das Organisationsmodell, das dem Jazz zugrunde liegt. Anders als in einem klassischen Orchester gibt es keinen Dirigenten, keine festen Solisten-Rollen, keine Hierarchie und nur wenige Regeln: Bevor sie loslegen, einigen sich Jazzmusiker lediglich auf das gleiche Thema und Tempo. Während des Spiels erfinden die Musiker spontan aus dem Stegreif immer wieder neue Melodien. Das heißt, sie improvisieren ständig.

Wenn sie das Wort 'improvisieren' hören, stellen sich vielen Managern die Nackenhaare auf ...

Scheer: Improvisation ist im Management tatsächlich negativ besetzt. Improvisieren bedeutet hier, dilettantisch vorzugehen. Improvisiert werden muss dann, wenn man sich nicht gründlich genug vorbereitet oder schlecht geplant hat. So das gängige Vorurteil. Dabei vergessen Manager eines: feste Pläne machen kann man nur, wenn auch das Umfeld stabil bleibt. Das aber ist heute meistens nicht mehr der Fall. Manager sollten daher eine andere Haltung zum Improvisieren entwickeln und es sich zu eigen machen.

Wie schaffen es Jazzmusiker, so zu improvisieren, dass dabei am Ende nichts Dilettantisches, sondern etwas sehr Gelungenes herauskommt?

Scheer: Viele glauben ja, dass Jazzmusiker einfach nur aus dem Bauch heraus spielen. Das ist aber falsch. Jazzmusiker haben ein unglaubliches Wissen über Harmonien, Skalen usw., aus dem sie frei schöpfen können. Und sie haben jahrelang geübt, aus diesen Versatzstücken spontan etwas Neues zu generieren. Deshalb funktioniert das. Wichtig ist auch: Die Musiker achten während des Spiels sehr genau aufeinander. Sie hören gut zu und beobachten, in welche Richtung sich die anderen während des Stücks bzw. mit ihrem jeweiligen Solo entwickeln. Dann greifen sie diese Entwicklung auf und gehen darauf ein. Eine Jazzband ist durch ein hohes Maß an Kommunikation bei einer gleichzeitig niedrigen Regelintensität geprägt. Sie agiert am Rande des Chaos. Sie driftet aber nicht ins Chaos ab, weil die Kommunikation der Musiker so stark ist, und sie droht auch nicht starr und unflexibel zu werden, weil es nur wenige feste Regeln gibt. Das macht die Musik so kreativ und dynamisch.

Inwiefern können Manager davon lernen?

Scheer: In turbulenten Zeiten und in dynamischen Branchen sollten Manager offen bleiben für sich ständig verändernde Umfeldbedingungen und spontan darauf reagieren, statt an einem Plan festzuhalten. Sie brauchen Sensibilität für Veränderungen in ihrem Umfeld, müssen ein Gespür für neue Strömungen und Trends entwickeln.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Scheer: Das japanische Motorradunternehmen Honda plante vor Jahren seinen Markteintritt in die USA. Vermarkten wollten die Japaner dort schwere Motorräder. Als aber ein Team zur Vorbereitung in die USA geschickt wurde, merkte es, dass der amerikanische Markt mit schweren Motorradtypen schon ziemlich gesättigt war. Das Team gewann – selbst aus Kostengründen nur mit Leichtmotorrädern ausgestattet – aber den Eindruck, dass gerade diese sich in den USA wahrscheinlich ganz gut vermarkten lassen würden. So war es dann auch. Die spontan geänderte Strategie ging auf. Das zeigt: Es lohnt sich, offen zu sein für neue Kursrichtungen. Dabei liegen die richtigen Strategien oft ganz dicht bei den falschen. Jazzmusikern gelingt es z.B., eine falsche Note auszugleichen, indem sie die nächstliegenden Töne spontan in ihrer Höhe oder Tiefe an den falschen Ton anpassen. So bekommt das Publikum oft gar nichts von der Panne mit, sondern hört ein harmonisches Ganzes.

Was lässt sich von einer Jazzband in Sachen Teamwork lernen?

Scheer: Die Jazzband ist ein gutes Modell für moderne Teams mit ihren flachen Hierarchien, denn es gibt ja keinen Dirigenten. Und ein Solist im Jazz ist auch nicht immer Solist, vielmehr wechselt jeder Musiker ständig von der Rolle des Solisten in die des Begleiters und umgekehrt. Das ist auch das, was man in der modernen Teamorganisation braucht: Alles, was vom Einzelnen produziert wird, muss zu den Schnittstellen der anderen passen. Jedes Teammitglied ist gefordert, kreativ zu sein und Ideen zu entwickeln, aber die anderen unterstützen es dabei. Jeder hat seine Kernkompetenz, aber aus dem Zusammenspiel entstehen Synergien. Dazu braucht auch ein Arbeitsteam gute Kommunikation und möglichst wenig einengende Regeln.

(Sylvia Jumpertz)

managerSeminare, Heft 139 vom 18.09.2009 (5570 Zeichen)

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