Rezension:
Ob ein Sachbuch dem Leser gefällt, hängt von vielen Faktoren ab, zum Beispiel:
• Ist es gut geschrieben?
• Ist der Inhalt korrekt und didaktisch gut aufbereitet?
• Ist die Zielgruppe klar angesprochen?
• Trifft es die Erwartungen des Lesers?
Hinter den meisten Fragen kann man für das vorliegende Buch bestimmt einen Haken setzen. Die Kernfrage bei diesem Buch dürfte sein, was erwarten Sie, wenn Sie ein Buch mit dem Titel 'Praxisbuch für Verhaltenstrainer' kaufen? Vielleicht beantworten Sie diese Frage zuerst einmal für sich und vergleichen dann Ihre Antwort mit dem Inhalt des Buches, welches ich Ihnen hier kurz vorstellen möchte.
Die Autoren führen den Leser auf ca. 300 Seiten durch 10 Kapitel, in denen man Detlef Klausmann – einen fiktiven Verhaltenstrainer – durch verschiedene Situationen begleiten kann. Am Anfang steht bei Herrn Klausmann eine kleine berufliche Krise, die er mit Hilfe eines befreundeten Marketingmannes bewältigt. Dabei lernt er u.a. etwas über Marketing allgemein, Zielgruppen, Kommunikationsstrategien und die Notwendigkeit seiner Unique Selling Proposition (USP). All diese Themen werden kurz, aber sehr eingängig und verständlich dargestellt.
Das zweite Kapitel beschäftigt sich dann damit, dass die Akquise erfolgreich war und ein Kunde anruft: 'Wie geht es jetzt weiter?' Man lernt etwas über den ersten Kundenkontakt, bekommt eine hilfreiche Sammlung von Fragen für das Auftragsgespräch und den Aufbau eines Angebotes bis hin zu einem Muster für einen Rahmenvertrag. Darüber hinaus gibt es Hinweise zur Pflege seiner Kundendaten und zur Kundenpräsentation. Anschließend beschäftigt sich das dritte Kapitel mit der Honorarverhandlung. Praxisnah wird dargestellt, was eine Personalabteilung zu der gewünschten Honorarvorstellung sagen und welche Argumente bzw. Verhandlungsstrategien man dagegen setzen könnte. Abgeschlossen wird dieses eher kurze Kapitel mit einem kurzen Leitfaden für Verhandlungen.
Das vierte Kapitel beschäftigt sich mit den Anfängen der eigentlichen Seminararbeit: Der Konzeption bzw. der Seminarplanung. Dazu werden verschiedene Faktoren, die für die Planung wichtig sind, kurz vorgestellt: Lernziele, Zielgruppe, Seminarinhalte und die zur Verfügung stehende Zeit. Anschließend werden vom Methodenplan über die Dramaturgie bis zum Detailplan (am Beispiel eines Tages zum Thema Transaktionsanalyse) die wesentlichen Themen kurz angesprochen.
Im fünften Kapitel 'Der Trainer auf der Bühne' werden verschiedene Aspekte der Trainingspräsentation behandelt. Es geht zum einen um verschiedene Möglichkeiten der Präsentation als Trainer in einem Seminar (von Flip-Chart bis PowerPoint), um Lerntypen, dann wieder um die richtige Vorbereitung der Präsentation und den richtigen Medieneinsatz, um dann abschließend durch einen Kurzausflug zum Mentalen Training wieder bei der Vorbereitung der Präsentation im Training zu landen.
Das sechste Kapitel stellt die Transaktionsanalyse (TA) als einen methodischen Ansatz im Bereich Kommunikation vor und erläutert dessen Einsatz in Kommunikations- und Führungstrainings. Dabei wird sowohl auf die Theorie der TA, wie auch auf eine mögliche Didaktik für deren Vermittlung eingegangen. Dieses Kapitel ist mit 40 Seiten das bislang längste Kapitel (fast doppelt so lang wie die meisten bisherigen Kapitel), was einen überraschenden Schwerpunkt auf das Thema TA legt. Dies wäre an sich noch nicht so bemerkenswert, wenn dies der Auftakt zu einer Reihe von interessanten methodischen Ansätzen aus den Bereichen der Kommunikation, Psychologie und Pädagogik wäre. Doch auch das achte Kapitel 'Von Brillen und Rähmchen' und das Kapitel neun 'Verhaltensspiele der Erwachsenen' wie sogar das abschließende Kapitel zehn 'Von Fettnäpfchen, Maurern, Co-Trainern und anderen Schwierigkeiten' sind entweder vollständig TA-orientiert oder sehr TA-lastig ausgeprägt. Damit ist der methodische Ansatz unseres fiktiven Verhaltenstrainer Detlef Klausmanns eher einseitig ausgelegt. Wenn ich ein Buch über TA in Trainings kaufen möchte, ist das ja auch sehr schön – ansonsten kann es auch lästig sein, vor allem, wenn man keine tiefenpsychologischen Ansätze mag.
Unabhängig von der Häufung des TA-Anteils sind alle gerade erwähnten Kapitel sehr einfach und anschaulich beschrieben. Besonders hervorzuheben ist der immer wieder betonte Bezug zur Seminarpraxis. Dies wird durch praxisnahe Beispiele, konkrete Übungen, fotografierte Flipcharts und Interventionsvorschläge erreicht. An diesen Stellen merkt man, dass das Buch von zwei erfahrenden Praktikern geschrieben wurde und nicht nur graue Theorie enthält. Der aufmerksame Rezensionsleser wird vielleicht bemerkt haben, dass ich ein Kapitel ausgelassen habe: Dies ist das Kapitel sieben, welches sich mit dem Rollenspiel und dem Einsatz von Videoaufnahmen beschäftigt. Hier geht es um die Einführung und Durchführung von Rollenspielen sowie das Feedback nach dem Rollenspiel. Abgerundet wird dieses Kapitel durch die Darstellung verschiedener Varianten zur Durchführung von Rollenspielen.
So, nun können Sie den grob dargestellten Inhalt des Buches vielleicht noch einmal mit Ihren Erwartungen vergleichen, die Sie beim Hören des Titels 'Praxishandbuch für Verhaltenstrainer' gebildet haben. Meine Erwartungen wurden nur zum Teil erfüllt, da ich wesentlich mehr und vertiefte Ausführungen zu Themen wie Gruppendynamik, Didaktik, Lernpsychologie, Persönlichkeitspsychologie und einen breiteren Methodenkoffer (anstatt eines TA-Buches) erwartet hatte. Versöhnt hat mich allerdings der ansprechende, gut zu lesende und anschauliche Schreibstil sowie die konkreten Hinweise aus der Seminarpraxis der Autoren.
Fazit: www.mwonline.de bewertet diesen Titel als empfehlenswert (zwei von drei möglichen Sternen)
Jörg Middendorf www.personal-balance.de (Leser-Rezension)