Rezension:
Wenn Sie ein Management-Buch, in dem es von den Begriffen 'Inspiration' und 'Liebe' nur so wimmelt, für wenig seriös halten, dann schlagen Sie diesen Titel besser erst gar nicht auf. Wenn Sie die amerikanische Art, bestimmte Botschaften immer und immer wieder breitzutreten, nicht mögen, dann wird Sie die Lektüre auch nerven. Wenn Sie aber nichts dagegen haben, einmal innezuhalten und den Sinn Ihres (Management-)Tuns zu reflektieren, dann bietet Lance Secretan hierzu ausreichend Gelegenheit.
Es beginnt mit der Definition des neuen Führungstyps: Darunter ist derjenige zu verstehen, der selbst inspiriert ist, der andere nicht motiviert, sondern sie inspiriert und der anderen dient. Kein neuer Ansatz, fürwahr, und auch der Rest des Buches kommt einem immer wieder vertraut vor. Warum ich es dennoch gerne gelesen habe? Weil Secretan den Leser Schritt für Schritt zu einem Verständnis der eigenen Arbeit und einem Verständnis von Führung führt, und weil man sich und seine Arbeit ununterbrochen vergleicht. Die sechs Schritte lauten:
1. Die eigene Bestimmung erkennen. Wie macht man das? Durch ein Gespräch mit Gott z.B. Das nämlich hilft Ihnen zu erkennen, wozu Sie wirklich auf dieser Welt sind. Etwas weniger abgehoben, aber ebenso wirkungsvoll: Fragen Sie sich, welche Bedrohungen, die die Welt zu ertragen hat, macht Sie wirklich betroffen? Wenn Sie diese benannt haben, dann wissen Sie ungefähr, wo Ihre Bestimmung (und damit möglicherweise auch die Ihrer Firma) liegt.
2. Die eigene Aufgabe erkennen. Woanders nennt sich das eine Vision. Aber ganz gleich, wie Sie es nennen: Vergessen Sie die Plattitüden, die Sie in den Firmenbroschüren finden, und formulieren Sie für sich, was Ihre ureigene Aufgabe - Ihre 'Lebensaufgabe' in dieser Welt ist. Es wird diejenige sein, die der Beseitigung der in Schritt 1 gefundenen Bedrohung dient. Interessanter Hinweis: Visionen können nicht 'verkauft' bzw. in einer Organisation heruntergebrochen werden. Wenn Sie selbst von ihr inspiriert sind, wird sie auch andere inspirieren.
3. Die eigene Berufung erkennen. Damit wird es konkreter, es geht darum, was Sie besonders gut können, worin Sie Meisterschaft entwickeln können - und womit Sie Ihre Aufgabe, Ihre Vision umsetzen. In diesem Abschnitt finden Sie eine Anleitung zu Meditation - für alle, die sich mit Ernsthaftigkeit der Suche nach Ihrer Berufung nachgehen wollen.
4. Bestimmung, Aufgabe und Berufung in Einklang bringen - Passt das, was Sie formuliert haben? Einige Fragen helfen zur Überprüfung, lassen Sie die Formulierungen sich setzen, bis Sie mit sich und dem Ergebnis im Reinen sind.
5. Den Mitarbeitern dienen. Damit kommt Secretan zu dem Thema Führung. Die Führungskräfte neuen Typs weisen nicht an, sie motivieren nicht, sondern fragen andere, womit sie ihnen dienen können. Ein Ansatz, der durch Robert K. Greenleaf Verbreitung fand und sicher im krassen Gegensatz zur Mentatlität des 'Alle mir nach' steht. Die häufisten Begriffe hier lauten: Zuhören und freundlich sein. Das fällt Ihnen schwer? Nachvollziehbar...
6. Brillanz in Ihrer Umgebung wecken - die Schlüssel lauten Mut, Authentizität, Dienen, Wahrheit, Liebe und Effizienz.
7. Ein Team inspirieren, das Sie inspiriert - der magische Höhepunkt. Wir sind nämlich alle Führungskräfte, die sich gegenseitig inspirieren können und sollten.
Alle Kapitel sind mit Beispielen gefüllt von Führungskräften und Firmen, die ihre Bestimmung erfüllen und andere inspirieren. Dass die Bespiele sich wiederholen und zum Großteil aus helfenden und beratenden Branchen stammen, verleitet den Rezensenten zu der Frage, ob es tatsächlich in jeder Tätigkeit möglich ist, seine Bestimmung zu erkennen. Aber warum nicht? Und was wäre schlimm daran, wenn der eine oder andere 'Beruf' ausstirbt, weil es niemanden gibt, der darin seine 'Berufung' erkennt?
Natürlich wird auch Werbung für das eigene Beratungsinstitut gemacht, dessen Bestimmung, Aufgabe und Berufung uns nahe gebracht wird. Und dennoch: Auch wenn der Stil nicht jedermanns Geschmack sein dürfte: Für mich wirkt es authentisch. Daher die drei Sterne...
Fazit: www.mwonline.de bewertet diesen Titel als besonders empfehlenswert (drei von drei möglichen Sternen)
Johannes Thönneßen (Journalisten-Rezension)