Rezension:
Es ist ein solide gearbeitetes Fachbuch, das die aktuelle Forschungsergebnisse der Psychologie ebenso wie der Neurologie zum Thema aufgreift und sehr gut verständlich aufarbeitet. So erfahren wir um die Beteiligung der Emotionen bei allen Entscheidungen, dass das Gehirn alle Entscheidungen quasi unbewusst bereits vorweg genommen hat, sich aus bereits gemachten Erfahrungen bedient und deshalb manche 'logische' Entscheidung eben gar nicht so logisch ist und deshalb schwer fällt. Daher rührt auch die Tendenz, Bauchentscheidungen als ebenso richtig zu werten wie analytische Entscheidungsgrundlagen. Braun geht in seiner Darstellung gar so weit zu behaupten, dass es eigentlich gar keine 'falschen' Entscheidungen geben kann, weil alle Menschen letztlich nur das bevorzugt wahrnehmen und damit in die analytische Entscheidungsfindung einfließen lassen (können), was sie erwarten oder mindestens heimlich wünschen. Wer das so von einem Fachmann klar dargestellt bekommt, der leidet zumindest nicht mehr so sehr darunter, sich ständig entscheiden zu müssen und damit auch die Möglichkeit einzugehen, dabei Fehler zu machen.
Braun nimmt den Leser mit, nicht nur in den Reflexionsfragen, bei denen man sich mit eigenen Entscheidungen befassen kann und das Beschriebene an eigenen Fällen überprüft. Auch theoretische Erkenntnisse werden oft so dargestellt, dass mit Hilfe der geschilderten Beispiele das Nachvollziehen mühelos gelingt.
Ein eigenes Kapitel ist der Entscheidung in Gruppen gewidmet. Nur unter bestimmten Voraussetzungen sind diese Entscheidungen von Vorteil. Dann nämlich, wenn möglichst viel Spezialwissen eingebracht wird und dieses auch offen ausgetauscht und diskutiert wird, bzw. werden kann. Vermieden werden muss deshalb ein Korpsgeist, ein Konsensdogma, eine zu große Risikobereitschaft, die durchaus üblich ist in Gruppen - nach dem Motto 'gemeinsam sind wir besser'.
Stark ist das mit gut 200 Seiten wahrlich richtig dimensionierte Buch vor allem seinem praktischen Teil, der zunächst einen guten Überblick über Entscheidungszyklen aus unterschiedlichen Branchen gibt. Dazu gehören die Luftfahrt, psychologische Problemlösungsforschung, Motivations- und Selbstführungsforschung, die Komplexitätsforschung, die St. Galler Betriebswirtschaft und der Jesuiten-Orden.
Ebenso konkret sind die genau beschriebenen Entscheidungstechniken. Scheinbar nichts Neues, aber eine gute Zusammenstellung und im Detail dann doch manche kleine Überraschung.
Zu guter Letzt weist Braun noch einmal auf die Vorläufigkeit aller Überlegungen hin, erinnert daran, dass auch mit allen noch so ausgeklügelten Methoden der 'Stein der Weisen' nicht zu finden ist und eine Demut vor menschlicher Unvollkommenheit eine angemessene Haltung ist.
Ein auch am Ende sehr kluges Buch, nicht nur wegen des reichhaltigen Literaturverzeichnisses mit über 90 Verweisen auf Standard- wie auf modernste Literatur.
Dirk Hirsekorn (Leser-Rezension)