Rezension:
Dieses Buch beschäftigt sich im engeren Sinne nicht mit den Themen die üblicherweise bei MWonline besprochen werden. Es geht in weiten Teilen um Fragen der Psychotherapie, deren Möglichkeiten und Grenzen. Diese Betrachtungen werden aber aus einem ganz besonderen, einem systemischen Blickwinkel vorgenommen, so dass man während des Lesens oft das Gefühl bekommt, die Welt steht auf dem Kopf. Gerade diese Perspektive ist es aber, die auch anderen Formen der Beratung und in der Arbeit mit Menschen überhaupt helfen kann, um zu neuen Einsichten zu gelangen.
Der Autor, Jay Haley, gehört zu den Gründervätern der systemischen Psychotherapie und stellt in dem vorliegenden Buch das übliche Ursache-Wirken-Denken konsequent auf den Kopf. So wird im ersten Kapitel Jesus und sein Streben nach Macht dargestellt. Er wolle zur Macht kommen, indem er die Machtlosen organisiert und der Gewalt der Mächtigen wehren, in dem er die Wehrlosigkeit seiner Organisation zur Maxime erhebt. Ideen, die so strategisch und zielgerichtet nicht unbedingt zum vorherrschenden Bild von Jesus passen, doch uns eine neue Sichtweise und somit auch Möglichkeiten zu neuen Erkenntnissen eröffnen.
Auch im zweiten Kapitel geht es um Macht und Ohnmacht. Diesmal allerdings in der Ehe. Haley macht konkrete Vorschläge zum Führen einer schrecklichen Ehe. Dies ist vielleicht nichts, was man im ersten Moment anstrebt - um so überraschender, dass man sich eventuell dennoch in den vorgestellten Strategien wiederfindet. Im Weiteren geht es um die Kunst (bzw. die Unsinnigkeit) der Psychoanalyse, über die Kunst schizophren zu sein und die zentrale Bedeutung der Schizophrenen als Lehrmeister für Ärzte. Denkt man nach dem ersten Kapiteln, die Position des Autors z.B. zur Psychoanalyse gut zu kennen, überrascht er mit einer ungewöhnlichen Verteidigung dieser Therapierichtung im nächsten Kapitel.
Abschließend beschäftigt sich der Autor noch mit den Wegen, eine 'therapeutische Null' zu werden, dem Nutzen und möglicher Richtlinien von Therapie. Das Buch liest sich nicht unbedingt leicht und kann an vielen Stellen den spontanen (oder auch nachhaltigen) Widerspruch des Lesers provozieren. Teilweise scheinen die Positionen, zum Beispiel zur Ursache von Schizophrenie, auch etwas veraltet (im Orginal ist das Buch bereits 1986 erschienen).
Dennoch sei das Buch allen den Lesern empfohlen, die es mögen, gewohnte Denkbahnen zu verlassen und sich durch neue Perspektiven anregen zu lassen.
Fazit: www.mwonline.de bewertet diesen Titel als empfehlenswert (zwei von drei möglichen Sternen
Jörg Middendorf, www.personal-balance.de (Leser-Rezension)