Wiki
Umso mehr dürfte Berners-Lee die Entwicklung eines Software-Tools begrüßt haben, das inzwischen unter dem Namen WikiWikiWeb - kurz: Wiki - den Gedanken vom freien Informationszugang und -austausch revolutioniert hat. Der Begriff Wiki steht dabei ebenso für das Werkzeug wie auch für die damit erzeugten Dokumente.
Das Besondere an Wikis ist, dass sie von Jedermann zu jeder Zeit überarbeitet, erweitert oder sogar gelöscht werden können. Wiki-Seiten befinden sich im ständigen Fluss, die Inhalte entwickeln sich dynamisch weiter. Nicht umsonst taufte der Erfinder, der US-amerikanische Software-Entwickler Ward Cunningham, seine Schöpfung auf den Namen 'Wiki Wiki' - dem hawaiianischen Ausdruck für 'schnell'.
Dem Prinzip des freien Informationsaustauschs folgend, ist auch das technische Handling von Wikis äußerst einfach. Als Autor benötigt man keine HTML-Kenntnisse, Hyperlinks lassen sich relativ unkompliziert erzeugen und auch die Formatierung der Texte ist schnell zu erlernen.
Wie gut ein Wiki funktionieren kann, beweist die Online-Enzyklopädie wikipedia, an der Internet-Nutzer aus allen Teilen der Welt mitstricken. Allein für die deutsche Ausgabe, die nach der englischsprachigen die zweitgrößte ist, verfassten die Nutzer seit der Gründung im Mai 2001 über 400.000 Artikel. Seitdem gilt Wikipedia als das Paradebeispiel einer funktionierenden Online-Community.
Kein Wunder also, dass inzwischen auch Bildungsexperten und Unternehmen auf Wikis aufmerksam geworden sind und deren Potenzial als kollaboratives Lernmedium bzw. als Plattform zum unternehmenseigenen Wissensmanagement diskutieren - konkrete Implementierungsstrategien sind allerdings zurzeit noch die absolute Ausnahme.
Wiki-Vorreiter sind neben IT-affinen Firmen wie SAP und IBM die Universitäten. Für das Consulting Unternehmen Gartner Research, Stamford, ist es allerdings nur noch eine Frage der Zeit, wann Wiki-Technologie die Businesswelt erobert haben wird. Die Briten wagen die Prognose, dass Wikis in Unternehmen spätestens im Jahr 2009 das Mainstream-Collaboration-Tool schlechthin sein werden. Preiswerter als teure Content-Management-Systeme sind sie allemal.
Andere Bildungstechnologie-Experten sind da weitaus vorsichtiger. Der emanzipatorisch-basisdemokratische Charakter von Wikis dürfte vielen eher konservativ-hierarchisch organisierten Unternehmen suspekt sein. Zudem ändern auch Wikis an der grundsätzlichen Problematik vieler bereits bestehender Wissensmanagementkonzepte nichts: Welchen Vorteil haben Mitarbeiter davon, ihr Wissen zu teilen? Unter welchen Voraussetzungen sind sie dazu bereit? Und tun sie es dann auch regel- bzw. routinemäßig?
Wikis sind daher nicht unbedingt die ultimative Frischzellenkur fürs Wissensmanagement. Ihre Stärken liegen aber in anderen Bereichen. So helfen Wikis im Projektmanagement, Missverständnisse und Zeitverlust zu vermeiden - Probleme, zu denen es häufig kommt, wenn zwischen den Projektteilnehmern über wichtige Änderungen in Dokumenten via Mail kommuniziert wird und stets nachgehalten werden muss, wer wen wann worüber informiert hat. Wikis jedoch repräsentieren für alle Projektmitarbeiter stets den aktuellen Stand der Dinge. Das spart Zeit und reduziert Fehlerquellen.
Als Kommunikationstool haben sie auch gegenüber dem herkömmlichen Intranet große Vorteile: Fehler lassen sich von dem, der sie findet, leicht und schnell korrigieren, die Inhalte können rasch erweitert und Querverweise eingebracht werden - alles Vorgänge, die sonst nur einer durchführen kann und darf: der Webmaster. Was bisher den Nachteil hatte: Findet ein Mitarbeiter einen Fehler, geschieht häufig gar nichts, weil es manch einem zu umständlich ist, den Intranet-Manager zu informieren.
Wenn Jedermann an einem Wiki herumwerkeln kann, stellt sich allerdings die Frage nach der Qualität und Verlässlichkeit der Informationen. Wikis sind selbstregulierende Systeme. Im Prinzip gilt: Je mehr Leute daran mitwirken, desto mehr steigt die Qualität – denn der Autorenpool eines gemeinsam erstellten Beitrags kontrolliert sich in der Regel gegenseitig, weshalb einzelne Autoren mit schnellen Änderungen entsprechend vorsichtig sind.
Gänzlich ohne offizielle Administration geht es allerdings nicht einmal mehr bei wikipedia. Als Siemens-Mitarbeiter kürzlich die biographischen Angaben ihres Vorstandsvorsitzenden Klaus Kleinfeld änderten, gab es heftige Diskussionen innerhalb der wikipedia-community. Viele sprachen von Manipulation und Image-Politur. Die Seite wurde von den Administratoren auf die interne Watch-List für umstrittene Artikel gesetzt. Es zeigt sich: Unter Relevanz, Wahrheitsgehalt und Neutralität von Informationen versteht jeder etwas anderes. Zugleich zeigt sich an diesem Beispiel aber auch, welch mächtiges Instrument Wikis sein können.
Beim Einsatz von Wikis im Unternehmen geht der Trend denn auch dahin, Wikis und Content-Management-Systeme miteinander zu Hybridlösungen zu verschmelzen. Viele Wikis der jüngeren Generation weisen z.B. eine striktere Trennung von Diskussions- und Artikelseiten auf. Sprich: Es gibt Foren-Funktionen. Und auch Zugriffsrechte sind als Qualitätssicherungsfaktor kein Tabu, denn schließlich observieren bei Firmen-Wikis nicht in jeder Minute tausende Augenpaare die Texte wie bei wikipedia-Enzyklopädie.
Der Gefahr, allein durch die Einfachheit der Veröffentlichung per Wiki Halbwissen oder Fehlerhaftes in Umlauf zu bringen, kann der Regensburger Historiker und Co-Autor des Buches 'WikiTools' (Springer, Berlin 2005), Richard Heigl sogar etwas Positives abgewinnen: 'Vom Lerngesichtspunkt her ist die Publikation von unausgegoren Gedanken eigentlich nicht schlecht. Wikis können - nicht zuletzt durch Konflikte - den Lernprozess fördern, den eine Gruppe durchläuft. Da ist es dann gar nicht nötig, dass alle gleich als Experten einsteigen.'
Werden Wikis in diesem Sinne genutzt, können Unternehmen in der Tat in vielerlei Hinsicht davon profitieren: schneller unternehmensinterner Know-how-Transfer, Dokumentation von Projekten, Austausch über Marktentwicklungen, Ideen, potenzielle Innovationen usw.
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