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Inneres Team nach Friedemann Schulz von Thun

Inneres Team nach Friedemann Schulz von Thun

In seiner Praxis als Kommunikationsberater und -trainer machte der Hamburger Psychologe Friedemann Schulz von Thun immer wieder eine frappierende Beobachtung: In der menschliche Seele herrscht eine rege innere Gruppendynamik, die eine erstaunliche Analogie zu realen Gruppen und Teams aufweist..


Inneres Team nach Friedemann Schulz von Thun

Der Mensch, so seine Schlussfolgerung, besitzt nicht nur eine Persönlichkeit, sondern viele verschiedene Persönlichkeitsanteile, die sich in ihren unterschiedlichen Normen und Werthaltungen nicht selten gegenseitig im Wege stehen. Deshalb tut der Mensch, was er 'eigentlich' nicht will, sagt etwas, was er später bitterlich bereut oder verliert aus scheinbar nichtigem Anlass die Nerven, obwohl er ansonsten 'die Ruhe in Person' ist.

Diese verschiedenen Persönlichkeitsanteile bezeichnet Schulz von Thun als 'Inneres Team'. Die Anteile stehen in einem ständigen inneren Dialog miteinander - meist ohne dass man sich dessen bewusst ist. Der Dialog dieser Anteile untereinander ist das, was unser alltägliches Denken ausmacht. Die Mitglieder des inneren Teams sitzen quasi als Vertreter bestimmter Rollen, Erfahrungen und Anschauungen um einen runden Tisch, unterhalten sich über ihre Wünsche und Ängste und versuchen, ihre Ziele durchzusetzen. Einige sind laut und dominant, andere leise und zögerlich. Einige Anteile kooperieren, während andere in Konkurrenz zueinander stehen. Und bisweilen scheint es ihnen unmöglich, zu einer tragfähigen gemeinsamen Entscheidung zu kommen.

Wird der innere Kampf zwischen den Persönlichkeitsanteilen zu heftig, führt das unweigerlich zu Problemen in der Kommunikation nach außen. Das Verhalten und die Äußerungen des Gesprächspartners erscheinen konfus, widersprüchlich, sprunghaft. Typisches Beispiel: 'Ich sehe doch, dass Dich was belastet...' Der Gesprächspartner antwortet mit sarkastischem Unterton: 'Nein, nein, es geht mir blendend!' Doch auch der Betroffene selbst leidet, wenn die durchaus wünschenswerte innere Pluralität unserer Persönlichkeit zu einer inneren Zerrissenheit führt. Er ist mit sich unzufrieden, kann sich zu keiner Entscheidung durchringen, fühlt sich ausgeliefert, hat Schwierigkeiten, sich zu motivieren.

Der Ausweg: den innere Dialog bewusst machen bzw. ihn bewusst führen, damit aus dem zerstrittenen Haufen tatsächlich ein Inneres Team wird. Nur dann ist der Mensch 'mit sich selbst im Reinen' und kann nach außen hin klar, authentisch und situationsgemäß reagieren.

Dazu gilt es in einem ersten Schritt, alle Gedanken, Aussagen und spontanen Äußerungen zu einem gegebenen Problem (z.B. ein möglicher Arbeitsplatzwechsel) zu Papier zubringen. Anschließend überlegt man sich, welche Persönlichkeitsanteile hinter diesen Gedanken und Äußerungen stecken. Den Persönlichkeitsanteilen seines Inneren Teams ordnet man nunmehr möglichst anschauliche Namen zu.

Typische Vertreter können beispielsweise sein:

  • der innere Antreiber: 'Da gibt es jetzt kein Zurück mehr!'
  • der kühle Kopf: 'Bleib bei den Fakten und wäge die Vor- und Nachteil ab.'
  • der Selbstzweifler: 'Ist das nicht eine Nummer zu groß für Dich?'
  • der Vorsichtige: 'Lass’ es lieber so, wie es ist.'
  • der Kommunikative: 'Ich brauche erst einmal den Austausch mit anderen.'
  • der kreative Kopf: 'Da eröffnet sich ja ein Unmenge an neuen Möglichkeiten.'
  • der Abenteurer: 'Ich bin gespannt, was da alles auf mich zukommt.'
  • der Bequeme: 'Ich will mich nicht schon wieder entscheiden müssen.'

Sind diese Persönlichkeitsanteile bewusst gemacht, gilt es in der weiteren Analyse herauszufinden, wie diese Anteile zusammenwirken, in welchen Situationen welche Anteile die Oberhand gewinnen, warum sie dies tun, wann sie sich als nützlich erweisen und wann als hinderlich.

Ein hilfreiches Analyseinstrument kann dabei die Aufstellung der Persönlichkeitsanteile mittels Spielfiguren sein. Auf diese einfache Weise lässt sich visualisieren, welche Anteile nahe beieinander stehen - also auf Koalitionen, Abhängigkeiten, Loyalitäten hinweisen - und welche eher ein Außenseiterdasein führen und entsprechend wenig beliebt sind - aber gleichwohl präsent. Nun kann der bewusste innere Dialog mit den einzelnen Anteilen beginnen. Fragen können beispielsweise sein:

  • Welche positive Absicht hast Du? Was möchtest Du erreichen? Kennst du die anderen Anteile und deren positive Absicht?

  • Was sollte ich von Dir wissen, Deinen Erfahrungen, Deiner Geschichte? Wie bist Du zu Deinen Überzeugungen gekommen?

  • Was würde passieren, wenn Du nicht so stark/schwach ausgeprägt wärst?

  • Worin möchtest Du von mir verstanden werden?

  • Welche Lösungsvorschläge hast Du für das aktuelle Problem?

  • Welche Einwände hast Du gegen eine mögliche Lösung? Womit kannst Du gut leben?

  • Was benötigst Du von mir an Unterstützung? Wie kann ich Dir helfen? etc.

Dieses Interview mit den einzelnen Persönlichkeitsanteilen wird nun solange geführt, bis für das Problem eine Lösung gefunden ist, die für alle Persönlichkeitsanteile akzeptabel ist und sie als 'Inneres Team' gut harmonieren lässt.

Die Arbeit mit dem Inneren Team ist mit etwas Übung und Fähigkeit zur Selbstreflexion in der Selbstanalyse möglich, sofern man sich auf der Ebene des Abwägens von Alltagsentscheidungen bewegt. Bei tiefer gehenden Interventionen - wenn es beispielsweise um die (Re-)Integration ungeliebter oder abgespaltener Persönlichkeitsanteile, emotionale Dilemmata oder das Abstreifen hinderlicher Verhaltensmuster geht, wird allerdings die Unterstützung durch einen Coach erforderlich. In diesen Fällen interveniert der Coach auf der Gefühlsebene seiner Klienten und sollte daher auch über einen psychotherapeutischen Hintergrund verfügen. In der Regel ist die Selbstwahrnehmung des Klienten auf seine inneren Zustände getrübt und er hat elementare Schwierigkeiten, seine eigenen Emotionen zu beschreiben, zu verstehen und erst recht zu steuern - was maßgeblich zu seinen Problemen beiträgt.

Diese Aufgabe muss der Coach wahrnehmen und auf die emotionalen Zustände des Klienten achten. Er führt den Klienten behutsam an die Aufgabe heran, achtsam gegenüber seinen Gefühlen und seinen Reaktionen darauf zu sein sowie mit diesen vorurteilsfrei, aber neugierig umzugehen. Ist der Zugang auf dieser Ebene möglich, wird meist auch klar, warum bestimmte Persönlichkeitsanteile in bestimmten Situationen problematische Dominanz über den Klienten gewinnen und es wird der Weg geebnet, diesen Persönlichkeitsanteilen im Inneren Team einen Platz zuzuweisen, mit dem der Klient bewusst und konstruktiv umgehen kann.


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