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Ermöglichungsdidaktik

Ermöglichungsdidaktik

Ermöglichungsdidaktik ist eine relativ neue Richtung innerhalb der Pädagogik, die maßgeblich von Rolf Arnold, Professor an der Universität Kaiserslautern, geprägt wurde. Ihr zentrales Anliegen ist es, Gelegenheiten für Lernprozesse in Selbstorganisation zu schaffen - der 'Lehrer' wird zum Ermöglicher, zum Gestalter adäquater Rahmenbedingungen.


Ermöglichungsdidaktik

'Lernen' wird als ein aktiver Aneignungsprozess verstanden, nicht als Aufnahme belehrender Wissensvermittlung. Der Lernprozess soll selbstgesteuert und nicht fremdbestimmt ablaufen. Letztlich ist diese Form des Lernens die wissenschaftliche Antwort auf das wirtschafts- und bildungspolitisch propagierte Schlagwort nach 'Lebenslangem Lernen'. Jeder von uns steht vor der Herausforderung, sich immer wieder individuell neue Kenntnisse anzueignen, sich weiter zu qualifizieren, persönliche Lernmethoden an technologische und soziale Veränderungen anzupassen, um seine Beschäftigungsfähigkeit ('Employability') auf hohem Niveau aufrecht zu erhalten.

Die politische Forderung nach 'Lebenslangem Lernen' hat seine Ursache in den radikal veränderten Lebens- und Arbeitsbedingungen der postindustriellen Volkswirtschaften. Es wird weniger wichtig, sich fachlich spezialisiertes Wissen anzueignen, da Detail- und Spezialkenntnisse leicht von elektronischen Wissensmanagementsystemen abgerufen werden können. Zudem nimmt die Menge des Wissens exponentiell zu. Klassische Weiterbildung, die maßgeblich auf die reine Wissensvermittlung fixiert ist, stößt daher zunehmend an ihre Grenzen. Vielmehr sind didaktische Konzepte nötig, die Schlüsselqualifikationen vermitteln, um sich aktuell benötigte Wissensinhalte schnell aneignen und diese auch nutzen zu können.

Das Konzept der Ermöglichungsdidaktik antwortet auf diese veränderten gesellschaftlichen Entwicklungen und beschäftigt sich damit, wie sich die Lehr-/Lernkulturen in der Aus- und Weiterbildung verändern müssen. Der theoretische Ansatz der Ermöglichungsdidaktik lässt sich dabei am einfachsten durch einen Blick in die Vergangenheit der Erwachsenenpädagogik erläutern.

In den siebziger Jahren galt das Modell der Belehrungsdidaktik mit ihrer Zentrierung auf den Lehrenden und die Stoffvermittlung als State of the art der beruflichen Weiterbildung. Deren Fokus war hauptsächlich ausgerichtet auf ein 'Präsenzlernen in Institutionen'. Dieses Lernen wurde angeleitet durch pädagogische Fachkräfte, welche vorwiegend sachorientiert arbeiteten. Der Unterricht wurde genau durchstrukturiert, klare Lernziele wurden vorgegeben. Im Vordergrund stand dabei die fast ausschließliche Erweiterung von Wissen. Die zu vermittelnden Inhalte wurden hauptsächlich darbietend vorgetragen, ohne dass sich die Teilnehmer Wissen selbst erschließen konnten und mussten. Credo: 'Gutes Lehren ist identisch mit gutem Lernen!'

Gesellschafts- und wirtschaftspolitisch wurde die Absolutheit dieses Weiterbildungsverständnisses zunehmend infrage gestellt. Rolf Arnold spricht in diesem Zusammenhang vom sogenannten 'autodidactic turn', der sich quasi als Gegenmodell zur Belehrungsdidaktik in den 1980er- und 1990er-Jahren durchsetzte: Demzufolge sei es für den Lernenden wesentlich nützlicher, seine methodischen, sozialen und persönlichkeitsbezogenen Fähigkeiten zu entwickeln, womit er in der Lage wäre, sich Wissen selbst aneignen zu können. Statt in Institutionen den Lehrstoff dozierend vermittelt zu bekommen, sollte sich der Einzelne Wissen autodidaktisch - selbstgesteuert, eigenverantwortlich und zugeschnitten auf seine spezifischen Bedürfnisse - erschließen.

So bestechend die Schlussfolgerung auch ist, so zeigte sich doch, dass das Gros der Menschen mit diesem anspruchsvollen Konzept und der damit verbundenen (Lern-)Autonomie überfordert ist. In der praktischen Konsequenz bedeutet dies, dass das Individuum frei von Absprachen gemäß seiner eigenen zeitlichen und räumlichen Bedürfnisse lernt. Dem Lernen fehlt damit der institutionelle Rahmen, es wird Teil des Alltags. Somit fehlt aber häufig auch der Raum für die bewusste Auseinandersetzung und Reflexion mit den eigenen Kompetenzen und dem persönlichen Lernfortschritt. Kurz: Das Lernen zu lernen kann nicht als gegeben vorausgesetzt, es muss vielmehr selbst noch gelernt werden.

Hier nun setzt die Ermöglichungsdidaktik an, indem sie belehrungsdidaktische und autodidaktische Prinzipien integriert:

  • 'Das Lernen lernen' ist dabei ein wesentlicher Aspekt der Ermöglichungsdidaktik. Es wird nicht vorausgesetzt, dass ein Lernender seine Möglichkeiten zu lernen, bereits vollständig kennt oder nutzt. Vielmehr ermutigt das Konzept den Lernenden explizit darin, sich bezüglich seiner Ressourcen und ihrer Grenzen zu äußern und erst - und auch nur dort - aktiv unterstützende Informationen oder Rat einzuholen, wenn es in einem bestimmten Thema erforderlich ist.

  • Ein Wesensmerkmal ermöglichungsdidaktisch geprägten Lernens ist es, zu 'wählen' und damit auch in Bewusstheit 'abzuwählen'. War dies ohnehin kein Merkmal der Belehrungsdidaktik, so mangelt es auch in der Autodidaktik an 'echten' Wahlmöglichkeiten. Dem Lernenden fehlen in der Regel die didaktische Professionalität und damit auch die Reflexionsfähigkeit, um Fragen wie 'Was sollte ich sinnvollerweise vorrangig lernen?', 'Was könnte ich alternativ lernen?' oder 'Was bedeutet das 'Was' und 'Wie' meines Lernens in Bezug auf den nächsten Lernschritt?' schlüssig für sich beantworten zu können. Die Ermöglichungsdidaktik unterstützt den Lernenden aktiv darin, über 'den Tellerrand' des gerade Aktuellen hinauszublicken und systemische Bezüge zum Lernthema herzustellen. Sie zeigt dabei Zutrauen in den Lernenden, zu wählen, sich zu entscheiden und das eigene Lernen in den individuell passenden Kontext zu stellen.

  • Der Lehrende ist in der Ermöglichungsdidaktik immer im Sinne eines auch sich selbst etwas ermöglichenden Partners involviert. Der Lehrende durchläuft somit parallel seinen eigenen Lernprozess: 'Ich nehme den Lernenden in seinem Lernprozess wahr, höre seine Äußerungen über Gedanken und Gefühle, reflektiere dabei meine eigene Art und Weise zu lernen, zu empfinden, handeln zu wollen. Der Lernprozess des Lernenden lehrt mich, wie auch ich lerne und das Gelernte in die Praxis übertrage.'

Ziel und Aufgabe der Ermöglichungsdidaktik ist es somit‚ Möglichkeiten für das Lernen des selbstgesteuerten Lernens mit den dazu passenden institutionellen und organisatorischen Rahmenbedingungen zu entwickeln. Dies beinhaltet zum einen, dass die Weiterbildung Angebote methodenvielfältig entwickeln muss. Andererseits müssen die zeitlichen und räumlichen Gegebenheiten von Lernprozessen der Situation angemessen gestaltet werden. Dabei gilt es zu beachten, dass Lernprozesse - im Kontext einer Ermöglichungsdidaktik - gleichermaßen sowohl von individuellen als auch von sozialen Rahmenbedingungen abhängig sind.

Zu diesem Zweck fordert Arnold, dass Weiterbildner ihre Angebote z.B. verstärkt firmen- und zielgruppenspezifisch ausrichten. Sie initiieren selbstständiges Lernen der Erwachsenen im beruflichen Umfeld und stehen außerdem den Teilnehmern begleitend zur Seite. 'Gefragt ist (...) der Bildungsberater und Lerncoach, der (...) bei Problemlösungsversuchen einbezogen wird, um die in diesem Kontext 'einschlägigen Kompetenzprobleme' zu diagnostizieren, d.h. den Bildungsbedarf zu identifizieren und maßgeschneiderte Angebote zu entwickeln.' Diese 'maßgeschneiderten Angebote' sollten jedoch weniger darbietend bzw. beratend oder ausschließlich individuell erarbeitend gestaltet werden, vielmehr müssen sie dem erwachsenen Lernenden die Wahlmöglichkeit zwischen dem einen und dem anderen Weg transparent machen.

Nicht der Experte, Berater oder Coach ist der Entscheider des Ermöglichungsprozesses, sondern der Lernende. Es obliegt ihm, ob er bestimmte Lernthemen im Selbststudium erarbeitet oder lieber im sozialen Kontext eines Seminars mit stärkerem Akzent auf der Belehrung oder lieber in einem anliegenfokussierten Coaching oder im Rahmen einer Lernpartnerschaft unter Gleichen.

Im Zentrum der Ermöglichungsdidaktik stehen damit vor allem die Lehr-/Lernprozesse mit einer Orientierung hin zu stärker aktivierenden Methoden. Dabei geht es weniger darum, geeignete Vermittlungsmethoden für den Coach und Prozessbegleiter, als vielmehr adäquate Methoden für den Lernenden bzw. Klienten zu finden, um selbstgesteuertes Lernen zu ermöglichen. Arnold: 'Dominierten bisher die Methoden der Vermittlung (in der Hand der Lehrenden), so sind es jetzt die Aneignungsmethoden in der Hand der Lernenden, die die entscheidende Rolle spielen'.


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