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Erfahrungsbasierter Lernzyklus nach David A. Kolb

Erfahrungsbasierter Lernzyklus nach David A. Kolb

Unter den vielen Modellen und Theorien zu Lernstilen erfreut sich der Erfahrungsbasierte Lernzyklus (Experiential Learning Cycle) von David A. Kolb auch im deutschsprachigen Raum großer Bekanntheit. Der Professor für Organisational Behaviour an der Weatherhead School of Management, veröffentlichte die wesentlichen Arbeiten hierzu Mitte der 1970er bis Mitte der 1980er Jahre - und befeuerte damit just den Zeitgeist, der in der Pädagogik und Bildung durch den Paradigmenwechsel von der Belehrungsdidaktik hin zu Formen des selbstgesteuerten Lernens geprägt war.


Erfahrungsbasierte Lernzyklus (Experiential Learning Cycle) nach David A. Kolb

Mit seinem Lernzyklus dockt Kolb zum einen an die handlungs- und erfahrungsorientierte Pädagogik des amerikanischen Philosophen John Dewey (1859-1952) an, der das Postulat des 'Learning by doing' auf eine wissenschaftliche Basis stellte. Zum anderen beruft sich Kolb auf die Gestalttheorie und Sozialpsychologie Kurt Lewins. Auch diese prominenten Vertreter dürften zu Verbreitung und Popularität Kolbs in Mitteleuropa zusätzlich beigetragen haben.

Nach Kolb kann Lernen, ob aktuell auf ein Problem bezogen oder als lebenslange Kompetenzentwicklung betrachtet, als fortwährender Kreisprozess angesehen werden, der vier Phasen durchläuft:

Konkrete Erfahrungen, die ein Lerner im Umgang mit der Umwelt im Allgemeinen oder mit einem Gegenstand im Besonderen macht, sind die Grundlage für ein näheres Betrachten aus verschiedenen Perspektiven, d.h., für reflektiertes Beobachten. Vom Lerner wird versucht, diese Beobachtungen durch induktives Vorgehen in einen Zusammenhang, in 'Wenn-Dann-Beziehungen' zu bringen. Wie bei einem Puzzle werden die Einzelteile beziehungsweise Erfahrungen und Beobachtungen, die analysiert worden sind, in ein Bild bzw. eine Theorie oder abstraktes Konzept überführt. In einem vierten Schritt wird diese Theorie durch einen deduktiven Vorgang verifiziert oder falsifiziert. Dies kann nur durch ein Testen der Hypothesen, durch aktives Experimentieren geschehen. Aus dem Ergebnis dieser Überprüfung ergeben sich dann neue Anstöße bzw. neue Erfahrungen.

Da der Lernzyklus immer wieder durchlaufen wird, führt der dabei ablaufende Lernprozess einer Spiralbewegung gleich auf eine immer höhere Ebene. Kolb betont, dass der Lernzyklus prinzipiell an jedem der vier Punkte beginnen kann, also auch bei der Vermittlung abstrakter Begriffe (z.B. Theorien), die durch aktives Experimentieren in der Praxis erprobt und so für den Lernenden konkret erlebbar werden.

Dieser idealtypisch skizzierte Kreislauf wird von Menschen aufgrund früherer Erfahrungen und Gewohnheiten allerdings unterschiedlich 'ausgefüllt'; sie haben unterschiedliche Lernstilpräferenzen, z.B. indem sie mehr oder weniger erfahrungsorientiert sind. Kolb entwickelte auf Basis dieses Lernzyklus´ ein Selbsteinschätzungsinventar, das die individuelle Ausprägung dieser einzelnen Phasen für eine konkrete Person erfasst und daraus ein spezifisches Profil ermittelt.

Durch empirische Untersuchungen wurde dabei wiederholt bestätigt, dass zum einen 'konkrete Erfahrung' und 'abstrakte Begriffsbildung', zum anderen 'reflektiertes Beobachten' und 'aktives Experimentieren' hoch negativ korrelieren. Eine Person ist also entweder erfahrungsorientiert oder theorieorientiert; entweder beobachtungsorientiert oder experimentell orientiert. Kombiniert man diese Präferenz mit dem Lernzkylus, lassen sich vier Lerntypen ableiten:

  • Divergierer: Sie bevorzugen konkrete Erfahrung und reflektiertes Beobachten. Ihre Stärken liegen in der Vorstellungsfähigkeit. Sie neigen dazu, konkrete Situationen aus vielen Perspektiven zu betrachten und sind an Menschen interessiert. Sie haben breite kulturelle Interessen und spezialisieren sich oft in künstlerischen Aktivitäten sowie im geisteswissenschaftlichen Bereich.

  • Assimilierer: Sie bevorzugen reflektiertes Beobachten und abstrakte Begriffsbildung. Ihre Stärken liegen in der Erzeugung von theoretischen Modellen. Sie neigen zu induktiven Schlussfolgerungen und befassen sich lieber mit Dingen oder Theorien als mit Personen. Sie integrieren einzelne Fakten zu Begriffen und Konzepten. Bevorzugte Berufsfelder liegen beispielsweise in der Grundlagenforschung, Naturwissenschaft oder Mathematik.

  • Konvergierer: Sie bevorzugen abstrakte Begriffsbildung und aktives Experimentieren. Ihre Stärken liegen in der Ausführung von Ideen. Sie neigen zu hypothetisch-deduktiven Schlussfolgerungen und befassen sich lieber mit Dingen oder Theorien, die sie gern überprüfen, als mit Personen. Entsprechend häufig ergreifen sie Ingenieur- bzw. technische Berufe.

  • Akkomodierer: Sie bevorzugen aktives Experimentieren und konkrete Erfahrung. Ihre Stärken liegen in der Ausgestaltung von Aktivitäten. Sie neigen zu intuitiven Problemlösungen durch Versuch und Irrtum und befassen sich lieber mit Personen als mit Dingen oder Theorien. Sie verlassen sich mehr auf einzelne Fakten als auf Theorien und sind überdurchschnittlich häufig unternehmerisch oder selbstständig tätig.


Das Kolbsche Modell gehört zu den Ansätzen in der Lernstilforschung, die in einer relativ großen Zahl von Untersuchungen berücksichtigt worden sind. Allerdings stammen diese Untersuchungen fast ausschließlich aus den USA, so dass letztlich keine unmittelbare Vergleichbarkeit zu mitteleuropäischen Verhältnissen gegeben ist. Zudem hat Kolb seinen Ansatz für den College- und Universitätsbereich entwickelt, aus dem auch die meisten Untersuchungen mit seinem Modell bzw. Inventar stammen.

So ermittelte Kolb auch den Zusammenhang zwischen Lernstiltypen und Studienentscheidungen: Divergierer entschieden sich besonders häufig für Geschichte, Politik, Psychologie; Assimilierer für Mathematik, Naturwissenschaften, Soziologie, Wirtschaftswissenschaften; Konvergierer für Ingenieursberufe und Akkomodierer für den geschäftlichen Sektor. Auch hinsichtlich der Informationsquellen, welche die betreffenden Personen bei diesen Entscheidungen zu Rate zogen, gab es Auffälligkeiten: Studenten mit hohen Werten für 'konkrete Erfahrung' orientierten sich vor allem an Bekannten und Rollenvorstellungen, während für Studenten mit hohen Werten in 'abstrakter Begriffsbildung' das Fachinteresse besonders ausschlaggebend war.

Dr. Hans-Dieter Haller, Professor am pädagogischen Seminar der Georg-August-Universität Göttingen, konnte bei eigenen Untersuchungen mit dem Kolbschen Ansatz zudem feststellen, warum die didaktische Attraktivität des Lehrpersonals von den Studenten höchst unterschiedlich bewertet wurde. Bei der Analyse der Kolbschen Lernprofile wurde den Probanden schnell bewusst, dass dies auf nahe beieinander liegende bzw. auf diametral entgegengesetzte Lernstile zurückzuführen war. Besaßen Dozent und Student eine hohe Ausprägung in Bezug auf 'reflektierte Beobachtung', funktionierte die Vermittlung des Lernstoffs, während ein Student, der vor allem am aktiven Ausprobieren von Lösungswegen interessiert war, das didaktische Geschick des Dozenten wesentlich negativer beurteilte.

Für die betriebliche Weiterbildung liefert der Kolbsche Lernzyklus daher zumindest ein pragmatisches und auch wissenschaftlich erforschtes Modell für die Konzeption und Umsetzung arbeitsplatznaher und arbeitsprozessorientierter Lernarrangements. Trainern und Coachs bietet es einen Handlungsrahmen, um das Wissen ihrer Teilnehmer und Klienten in tatsächliches Können zu transformieren.


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